Endlich erscheint am 19. August bei Kiepenheuer & Witsch das neue Werk des vielgeliebten Jonathan Safran Foer auf Deutsch. Grund genug, das Original herauszukramen und ein paar Worte darüber zu verlieren. Lang dauerte sie ja, die Übersetzung. Schließlich bezwangen Isabel Bogdan, Ingo Herzke und Brigitte Jakobeit den englischen Text über Tiere und deren größte natürlichen Feinde: die Menschen.
Wenn man ein Kind bekommt, macht das erst einmal Schwierigkeiten. Ungeahnte Impulse werden frei gesetzt: Man räumt seine Zimmer auf. Man putzt die Fenster. Man kauft sich zahlreiche Paare weißer Socken. Und man schreibt ein Buch über Essgewohnheiten. Das alles jedenfalls tat Jonathan Safran Foer, nachdem er von seiner kommenden Vaterschaft erfuhr. Er, der Autor von
Alles ist erleuchtet,
Extrem laut und unglaublich nah und des Librettos zu
Seven Attempted Escapes from Silence, aufgeführt an der Berliner Staatsoper.
„Eating and storytelling are inseparable“, lehrt uns Jonathan. Und wer könnte die Geschichte des Tiere essens besser zu Papier bringen, als einer der größten Geschichtenerzähler der 00er Jahre.
Tiere essen ist allerdings mitnichten eine fiktive Geschichte, sondern ein Sachbuch – Foer arbeitete eine Vielzahl an philosophischen Werken und wissenschaftlichen Berichten und Statistiken auf, das Buch enthält 267 Fußnoten. Es entsteht eine philosophische Dokumentation. George Orwell und Mark Twain werden genauso zitiert wie die
Encyclopedia of Edible Plants of North America und die
Welfare of the Laying Hen.
Zunnächst bedarf es einer Klärung; Wie hält es denn der Autor mit der Nahrungsaufnahme? Nach ein paar Jahren strikten Vegetarismus lebte Jonathan Safran Foer nach dem Grundsatz: her mit dem Hühnchen, ich bin hungrig. Doch mit der Geburt seines Sohnes saß nun eine weitere schmatzende Variable an der Foerschen Tafel, deren immerhungriger Rufe auf die eine oder andere Weise beantwortet werden mussten. Das Kind zu ernähren ist anders, als sich selbst zu ernähren: Es bedeutet mehr. Das Essverhalten musste einer neuen Berechnung unterzogen werden. Ausgangspunkt seines Buches ist also mal wieder die Familie, Foers Dauerthema.
Das Hauptthema aber, um das sich
Tiere essen kreist, ist gleichsam das Zauberwort der Tierindustrie: Massentierhaltung; Wie Pornographie „hard to define but easy to identify“. Unglaubliche 99 Prozent der Amerikanischen Fleisch- und Eierversorgung stammen von Tieren aus Massenhaltung (in Deutschland ist das kaum anders). Vorteil für den Produzenten: die geringsten Kosten und der höchste Ertrag. Nachteil für das Tier: ein kurzes Leben und quälende Tage bis zur blutigen Schlachtung.
Foer gibt sich alle Mühe, dem Leser auch ein visuelle Vorstellung dessen zu geben, was er beschreibt. Wenn er etwa ein Rechteck über eine Doppelseite seines Buches druckt, um die durchschnittliche Größe eines Hühnerkäfigs abzubilden. Oder wenn er über fünf Seiten die Wörter
Speechlessness und
Influence aneinanderreiht, von denen alle Buchstaben summiert die Zahl an Tieren ergeben, die ein Mensch in seinem Leben isst.
 Der Genießerblick eines Fleischessers? Das war einmal. © Andreas Pein |
Man kennt das von Foer - seine Bücher schmücken Fotos und ungewöhnliche Schriftbilder. In
Tiere essen sind diese visuellen Höhepunkte auch Versuche, unsere nostalgischen Bilder der Tierhaltung zu verdrängen, zu überschreiben; etwa solche von Farmern, die jedes ihrer Schweine einzeln kennen, von Bauern, die dabei zuschauen, wenn ein kleiner Schnabel die Schale des Eis zerbricht. Dies sind die Bilder, denen wir glauben schenken wollen. Andere sind so mächtig, dass sie jeder Vorstellung trotzen: „Animal agriculture makes a 40 % greater contribution to global warming than all transportation in the world combined; it ist he number one cause of climate change.“ Solche starken Fakten makieren die Anfänge der einzelnen Kapitel. Der Leser soll ja wissen, worauf er sich da einlassen wird.
Irgendwann wird es Foer am Schreibtisch zu bunt. Nur Fakten: das wird auf die Dauer langweilig. Er will mit eigenen Augen sehen, was in den Tierfarmen passiert, will sehen, wie schlecht es den Tieren in der Massenhaltung wirklich geht. Er schreibt einen Brief an
Tyson Foods, den weltweit größten Produzenten von Schwein, Huhn und Rind und bittet um ein Treffen auf einer der Farmen. Er bekommt keine Antwort und schreibt einen weiteren Brief. Und noch einen. Schließlich bleiben noch drei weitere Briefe unbeantwortet. Was also tun? Foer beschließt mit einer Aktivistin in eine Farm einzubrechen. Einmal drin, bestätigen sich die schlimmsten Befürchtungen. Die Tiere leiden unbeschreiblich. Foer fällt es schwer zu realisieren, was er mitansehen muss - die Aktivistin weiß schneller zu helfen. Und wie sie hilft: mit einem Messer durchschneidet sie einem der am schlimmsten zugerichteten Truthähne die Kehle.
Seite 2
Foer packt die Fassungslosigkeit, doch umgeht er eigene Wertungen. Auf den folgenden Seiten lässt er die anonyme Aktivistin selbst zu Wort kommen. "I killed thousand of birds that way. And every part of me knew that it was the right thing [...]". Subjektive Einblicke in das Thema gibt Foer also genug. Wird einmal nicht die nötige Distanz zum Thema gewahrt, sind es jedoch meist andere, die sprechen. Auf die Aktivistin folgt ein Farmer. "Sure you could say that people should just eat less meat, but I've got news for you: people don't want to eat less meat". Durch die Gegenüberstellungen wird der Leser in den Sog der schier unendlichen Argumentationsketten hineingezogen. Während man die im Buch vertretenden Ansichten mit den eigenen vergleicht, wird Foer deutlicher. So deutlich, dass das Umblättern der Seiten zur Qual wird - ähnlich des qualvollen Lebens der blinden, mit Bakterien infizierten und inneren Blutungen ausgesetzten Tiere. Zu sentimental? Vielleicht. Doch ist das die Realität.
Man muss nur die richtigen Fragen stellen, um die Unsinnigkeiten unseres Essverhaltens zu Tage zu fördern: Wieso essen wir Fische, aber keine Hunde? Was passiert mit dem riesigen Berg an Exkrementen, den die Tiere in unseren Fleischproduktionsstätten absondern? Wieso nehmen wir in Kauf, dass jährlich 4,5 Millionen Meerestiere als Beifang sterben müssen? Auf diese Fragen gibt es zwei Antworten; Natalie Portman ließ verlauten, durch die Lektüre von
Tiere essen zur Vegetarierin geworden zu sein. Manch anderer Leser wird dabei bleiben: Her mit dem Hühnchen, ich bin hungrig. Doch Foer ging es eben nicht darum nur ein Schwarzweißszenario abzubilden, wie er der
FAZ in einem Interview noch einmal bestätigte. Er gibt eine dritte Antwort: Jeder kann Fleisch oder Fisch essen wie er beliebt, nur sollte man sich über bestimmte Zustände im Klaren sein.
Wer die Vegetarierdiskussion bisher scheute, nach der Lektüre diese Buches wird er ihr sich stellen müssen. Foers Buch ist kein Appell für den Vegetarismus. Vielmehr werden die Für und Wider gegeneinander abgewägt. Der Verdienst von
Tiere essen ist die Bewusstmachung; Massentierhaltung ist eine 140-Milliarden-Dollar-Industrie. Ihr Erfolg hängt von den vielen Faktoren ab, die uns unbewusst sind. Seitens der Industrie wird viel dafür getan, den Produktionsablauf im Dunkeln zu lassen. Warum umzäunt ein Farmer einer Truthahnfarm sein Gelände und schließt die Türen ab? Ein Truthahn kann auch ohne Schloss keinen Türknauf bedienen, mutmaßt Foer.
Schauen wir weg und verneinen unsere Natur – so kann es manchmal passieren, dass wir aufwachen und uns selbst als Tier wiederfinden. Kafka als literarische Bezugsperson Foers war ebenfalls Vegetarier. Nach einer Erzählung seines engen Freundes Max Brod, fing der Prager Autor eines Tages vor einem Aquarium an, mit den Fischen zu sprechen: "Nun kann ich euch in Frieden betrachten; ich esse euch nicht mehr." Die Scham - die einen um den Frieden bringt - nicht zulassen zu wollen, ist nur menschlich. Doch sollte nach Foer das Vergessen und Wegschauen nicht unser Allheilmittel sein. Er mahnt: „What we forget about animals we begin to forget about ourselves“.
Den zaghaft erhobenen Zeigefinger wieder in der Hosentasche verschwinden lassend, tritt er den Rückweg an. Zurück zur Familie, zurück zur Großmutter, zu Nicole, zu Sasha und zu George. Die Straßen Manhattans schlendert er entlang, mit einem leisen Summen um den Mund:
"This beautiful creature must die, a death for no reason is murder".