Meat is Murder - Jonathan Safran Foers "Tiere essen"

geposted von clemens
28.07.2010 21:30
Endlich erscheint am 19. August bei Kiepenheuer & Witsch das neue Werk des vielgeliebten Jonathan Safran Foer auf Deutsch. Grund genug, das Original herauszukramen und ein paar Worte darüber zu verlieren. Lang dauerte sie ja, die Übersetzung. Schließlich bezwangen Isabel Bogdan, Ingo Herzke und Brigitte Jakobeit den englischen Text über Tiere und deren größte natürlichen Feinde: die Menschen.


 
Wenn man ein Kind bekommt, macht das erst einmal Schwierigkeiten. Ungeahnte Impulse werden frei gesetzt: Man räumt seine Zimmer auf. Man putzt die Fenster. Man kauft sich zahlreiche Paare weißer Socken. Und man schreibt ein Buch über Essgewohnheiten. Das alles jedenfalls tat Jonathan Safran Foer, nachdem er von seiner kommenden Vaterschaft erfuhr. Er, der Autor von Alles ist erleuchtet, Extrem laut und unglaublich nah und des Librettos zu Seven Attempted Escapes from Silence, aufgeführt an der Berliner Staatsoper.

„Eating and storytelling are inseparable“, lehrt uns Jonathan. Und wer könnte die Geschichte des Tiere essens besser zu Papier bringen, als einer der größten Geschichtenerzähler der 00er Jahre. Tiere essen ist allerdings mitnichten eine fiktive Geschichte, sondern ein Sachbuch – Foer arbeitete eine Vielzahl an philosophischen Werken und wissenschaftlichen Berichten und Statistiken auf, das Buch enthält 267 Fußnoten. Es entsteht eine philosophische Dokumentation. George Orwell und Mark Twain werden genauso zitiert wie die Encyclopedia of Edible Plants of North America und die Welfare of the Laying Hen.

Zunnächst bedarf es einer Klärung; Wie hält es denn der Autor mit der Nahrungsaufnahme? Nach ein paar Jahren strikten Vegetarismus lebte Jonathan Safran Foer nach dem Grundsatz: her mit dem Hühnchen, ich bin hungrig. Doch mit der Geburt seines Sohnes saß nun eine weitere schmatzende Variable an der Foerschen Tafel, deren immerhungriger Rufe auf die eine oder andere Weise beantwortet werden mussten. Das Kind zu ernähren ist anders, als sich selbst zu ernähren: Es bedeutet mehr. Das Essverhalten musste einer neuen Berechnung unterzogen werden. Ausgangspunkt seines Buches ist also mal wieder die Familie, Foers Dauerthema.

Das Hauptthema aber, um das sich Tiere essen kreist, ist gleichsam das Zauberwort der Tierindustrie: Massentierhaltung; Wie Pornographie „hard to define but easy to identify“. Unglaubliche 99 Prozent der Amerikanischen Fleisch- und Eierversorgung stammen von Tieren aus Massenhaltung (in Deutschland ist das kaum anders). Vorteil für den Produzenten: die geringsten Kosten und der höchste Ertrag. Nachteil für das Tier: ein kurzes Leben und quälende Tage bis zur blutigen Schlachtung.
Foer gibt sich alle Mühe, dem Leser auch ein visuelle Vorstellung dessen zu geben, was er beschreibt. Wenn er etwa ein Rechteck über eine Doppelseite seines Buches druckt, um die durchschnittliche Größe eines Hühnerkäfigs abzubilden. Oder wenn er über fünf Seiten die Wörter Speechlessness und Influence aneinanderreiht, von denen alle Buchstaben summiert die Zahl an Tieren ergeben, die ein Mensch in seinem Leben isst.


  Der Genießerblick eines Fleischessers? Das war einmal. © Andreas Pein

Man kennt das von Foer - seine Bücher schmücken Fotos und ungewöhnliche Schriftbilder. In Tiere essen sind diese visuellen Höhepunkte auch Versuche, unsere nostalgischen Bilder der Tierhaltung zu verdrängen, zu überschreiben; etwa solche von Farmern, die jedes ihrer Schweine einzeln kennen, von Bauern, die dabei zuschauen, wenn ein kleiner Schnabel die Schale des Eis zerbricht. Dies sind die Bilder, denen wir glauben schenken wollen. Andere sind so mächtig, dass sie jeder Vorstellung trotzen: „Animal agriculture makes a 40 % greater contribution to global warming than all transportation in the world combined; it ist he number one cause of climate change.“ Solche starken Fakten makieren die Anfänge der einzelnen Kapitel. Der Leser soll ja wissen, worauf er sich da einlassen wird.

Irgendwann wird es Foer am Schreibtisch zu bunt. Nur Fakten: das wird auf die Dauer langweilig. Er will mit eigenen Augen sehen, was in den Tierfarmen passiert, will sehen, wie schlecht es den Tieren in der Massenhaltung wirklich geht. Er schreibt einen Brief an Tyson Foods, den weltweit größten Produzenten von Schwein, Huhn und Rind und bittet um ein Treffen auf einer der Farmen. Er bekommt keine Antwort und schreibt einen weiteren Brief. Und noch einen. Schließlich bleiben noch drei weitere Briefe unbeantwortet. Was also tun? Foer beschließt mit einer Aktivistin in eine Farm einzubrechen. Einmal drin, bestätigen sich die schlimmsten Befürchtungen. Die Tiere leiden unbeschreiblich. Foer fällt es schwer zu realisieren, was er mitansehen muss - die Aktivistin weiß schneller zu helfen. Und wie sie hilft: mit einem Messer durchschneidet sie einem der am schlimmsten zugerichteten Truthähne die Kehle.



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