|
|||||
|
|||||
|
|||||
Steven Uhlys Debüt "Mein Leben in Aspik" im neuen Secession-Verlag
31.08.2010 16:30
Um es vorweg zu nehmen: Steven Uhlys Debütroman ist keine leichte Kost: Getrieben von einer unbekannten Kraft – man möge sie Liebe oder Verzweiflung nennen – sucht der Held des Romans nach einem Grund für die Abnormalität seiner Familie. Doch ehe er sich versieht, hat er die Geliebte seines Vaters und seine Oma geschwängert.
---
Deutschland, Schweiz oder Österreich – alle jubeln: Hier kommt ein neuer Belletristik-Verlag, der richtig Spaß macht. Und Spaß hat. Denn die beiden Köpfe des Verlags Christian Ruzicska und Susanne Schenzle leben ihre Leidenschaft für das Buch. Die ist zwar viel zitiert, aber beim Secession-Verlag handelt es sich um keine leere Worthülse. Mit vier Titeln gehen der ehemalige Gründer des Tropen Verlags und die ehemalige Vertriebsleiterin aus dem Hause Ammann an den Start. Einer davon ist der gestern erschienene, skandalträchtige Debütroman des im Jahr 1964 in Köln geborenen Autors Steven Uhly. Dieser treibt es in Mein Leben in Aspik richtig auf die Spitze. Er setzt eine ganze inzestuöse Familie an einen Tisch. Unter diesem hockt der Held des Romans, seinerseits Sohn, Enkel und Bruder. Von einem seiner häufigen Ohnmachtsanfälle erholt, beginnt er zwischen den Schenkeln der sitzenden Frauen ein munteres "Bäumchen wechsle dich"-Spiel. Da werden widersprechende Stimmen laut. Nicht nur im Leser, sondern auch im Helden. "Sie ist deine Schwester. Nein, nein, sie ist deine Tante. Euer Kind wird dein Cousin sein und dein Neffe. Deine Oma wird seine Oma und seine Uroma sein. Deine Mutter wird seine Oma und seine Tante sein." Und so weiter und so fort. Wie konnte es nur so weit kommen? Was stimmt mit meiner Familie nicht und warum bin ich ihr dermaßen ausgeliefert, fragt sich der Held. Seine Pornoverwandtschaft kann ihm keine Antworten geben – sie braucht ihr Netz aus Lügen, um nicht selbst am harten Boden der Tatsachen zu Grunde zu gehen. So macht sich der Held alleine auf die Suche nach dem Anfang des Unglücks. Es ist eine tiefschürfende Suche: Sie führt ihn aus dem Schoß seiner Oma, über das rote Licht des Berliner Zuhältermilieus zurück in die Abgründe des Nationalsozialismus. Auf seinem Weg verliert der Held immer wieder die Wahrheit. Jede Geschichte stimmt mit der bisherigen überhaupt nicht überein. Jede Lösung eines Rätsels gibt ein neues Rätsel auf. Nur die Visionen, die beim Küssen seiner Schwester in ihm hochsteigen, scheinen ihn nicht zu belügen. In den Visionen sieht er seinen Tod. Und er sieht seinen nichtgekannten Opa, einen KZ-Leiter der übelsten Sorte, das Objekt seiner Suche. Ist er die Wurzel allen Übels? Der Held wechselt zwischen Ohnmacht und Sexspielen, wird vermögend, wird obdachlos – doch am Ende seiner Selbstfindung muss eine Antwort stehen; Um der Liebe versichert zu sein. Um den Lügen ein Ende zu setzen. Um den Ursprung der Perversion auszumachen. Um zu verstehen. Doch längst hat er gelernt: "Es würde mir nicht gelingen, neu anzufangen. Ich war dazu verdammt, in meiner Familie zu leben, ich war zu diesem perversen Anstand verdammt." Er kann seiner Familie nicht entkommen, die Wurzeln nicht ausreißen, denn sie sind auch in ihm gewachsen. Und doch hofft er, dem Kennenlernen seines Opas, der Wahrheit, eine positive Wirkung abtrotzen zu können: Die Suche des Helden, sie entbehrt bei all der hemmungslosen Verrücktheit der Erzählung nicht einer gewissen Tragik.
Endlich mal wieder ein Debütroman, der überrascht: Der Leser folgt der odysseeischen Biografie mal angeekelt, mal belustigt, aber nie gelangweilt. In Steven Uhlys Debüt findet deutsche Geschichte im Spiegel familiärer Perversion statt – das ist anders und originell. Und wird hohe Wellen schlagen. Gegenwart und Vergangenheit verbinden sich unter grotesk-bösem Humor zu einem ordinären Trip des Helden, der eigentlich nur die Wahrheit wissen will. Aber ist Wahrheit besser als Unwahrheit? Weiß sie die Wunden der vielen Lügen zu heilen? Macht Wissen das Schicksal hinnehmbar? Besonderen Gefallen findet der Schlussteil des Debüts, in dem der Schelm Uhly seine Inzest- und Familendystopie durch die Mise en abyme ganz nah an uns heranträgt. Was der Realität entglitten scheint, bekommt einen Namen und lebt "wie eine ganz normale Familie" mitten unter uns: am Prenzlauer Berg. Und der familiäre Kreislauf mag kein Ende nehmen – inzestuös gezeugte Kinder werden fortlaufend geboren. „Aber es ist widernatürlich“, wendet die Mutter des Helden ein. „Es ist, was es ist, sagt die Liebe“, bekommt sie zur Antwort. Von ihrer Schwester. Der Tochter ihres Mannes. Der Geliebten ihres Sohnes. Der Mutter des mit ihrem Mann gezeugten Kindes. Und so weiter und so fort. Kommentieren |
|||||