Dies ist mein Leib, der für euch gegeben wird

geposted von julianlange
15.01.2011 12:00
Was wir sehen, verändert was wir tun. Oder deutlicher: wie der Porno so der Sex so der Porno. Kopulierten im Porno der Industriegeneration entindividualisierte Barbie-Puppen in artistischen Extrempositionen, sieht die Youporn-Gemeinde von heute den enthüllten Leib des Nachbarn beim Blümchen-Sex. Was passiert, wenn der User vor die Kamera tritt?


  Pornografie ist keine Erfindung der Neuzeit. Hier ist eine griechische Vasenmalerei von 480 v.Chr. zu sehen. Es ist eine Prostituierte beim Urinieren dargestellt.
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Als die Pornografie die Medienschwelle hin zu bewegten Bildern überschritten hatte, war die Welt in Sorge. Kann die Inszenierung des Geschlechtsverkehrs in industriell produzierten Filmen unser Verständnis von Sexualität beeinflussen? Und wenn ja, welche Rückwirkungen auf das Geschäft mit dem gefilmten Sex hat das veränderte private Gebaren? Wird unser Leben Porno, werden wir Porno oder wird der Porno das Leben?

Natürlich hat der Porno die Gesellschaft verändert. Zuerst einmal geöffnet, enttabuisiert, Gesprächsthemen überhaupt erst möglich gemacht. Pornografie, das vergisst man leicht, war auch ein Instrument der sexuellen Befreiung. In der Provokation, die die traditionelle Obszönität noch beinhaltete, lag eine subversive Kraft, die den Sex und das Reden darüber von gesellschaftlichen Repressionen befreite. Heute ist der Porno Mainstream - längst hat die Kunst den professionellen Vögelfilm für sich entdeckt. Die Literatur macht Kasse nach dem Motto sex sells. Ariadne von Schirach plazierte sich einst mit ihrem Buch Tanz um die Lust als Expertin für das hippe, durchtriebene Berlin (es war die Zeit vor Helene Hegemann, Airen und Tobias Rapp), Catherine Millet, deren letztes Buch paradoxerweise um die Eifersucht kreist, machte mit ihrem semi-authentischen Bericht Das sexuelle Leben der Catherine M. über Swinger- und Spontansextreffen in Paris Furore und selbst Charlotte Roches Feuchtgebiete muss man zumindest einen ausgeprägten Exhibitionismus attestieren. In den ersten beiden Büchern ist es das zu perfektionierende Kapital, das der Körper darstellt. Es geht um eine Ökonomie des Gefickt-Werdens mit einem falsch verstandenen Impetus der vaginalen Selbstbestimmung. Feuchtgebiete pervertiert diese Logik sogar noch, indem sie dem perfekten und begehrten Körper den ekelhaften Sekretausscheider an die Seite stellt. Wir sehen hier eine Tendenz vom geschminkten Schaustellerporno zum obszönen Rausch des Hyperrealen.


  Charlotte Roches "Feuchtgebiete" markiert den Übergang der Literatur in die Welt des Gewöhnlich-Ekelhaften den die Pornografie in bewegten Bildern längst zu voller Konsequenz entfaltet hat.

Das Charakteristikum traditioneller amerikanischer Pornografie: Kopulierende Barbie-Puppen, die gerade den Anschein des Individuellen zu vertuschen suchen. Durch Make-Up, Perücken und Retuschen werden alle individuellen menschlichen Merkmale (gern als Fehler bezeichnet) getilgt. Was der Porno am Ende zeigt, sind Proto-Menschen, die Zeichen eines Triebes, einer Gier repräsentieren, aber keine detailgetreue Abbildung unserer selbst sind. Das war der Industrieporno über den Jean Baudrillard elegant sagen konnte, er sei „ein barockes Unterfangen der Übersignifikation".


  Erotisches Fresko aus Pompeij. Pornografie ist nicht zuletzt auch schon immer Kunst gewesen.

Für den Übergang einer weichgezeichneten, geschminkten, aufgepumpten Hardcore-Industrie zum Amateur-Video aus dem nachbarlichen Wohnzimmer zeichnet vor allem das Internet verantwortlich. War es zuerst anonymer Beschaffungsraum, der die Hemmschwelle einen Sex-Shop zu betreten abschaffte, wandelte sich das Web unter Tim O´Reillys Rubrum „2.0“ zu einem Mitmachwettbewerb. Berühmt wurden zuerst Prominente, deren Filmchen im Internet kursierten. Da waren die Szenen von Pamela Anderson und Tommy Lee auf einem Boot und am berühmtesten sicher One night in Paris, jenes Video, das Rick Salomon und Partygirl Paris Hilton bei sexuellem Verkehr zeigt. Die Bildqualität könnte auch auf ein Video aus dem Kölner Zoo hinweisen, aber als PR-Aktion war es höchst erfolgreich. Nicht umsonst hat die Hotel-Erbin gar nicht erst versucht, die Verbreitung des Videos zu verhindern, sondern nur eine Gewinn-Beteiligung erreichen wollen. Die Promi-Videos können als ein Übergang zur Amateurwelt von youporn.com gesehen werden. Wir haben es mit (scheinbar) authentischem Sex zu tun, aber die Darsteller sind uns bekannt. Es ist hier also noch ein Voyeurismus vorhanden, wenn auch nicht mehr der Voyeurismus des Sexuellen, sondern der Befleckung. Es geht nicht um den sexuellen Akt und seine (Nicht-)Darstellung, wie im klassischen Porno und auch noch nicht um die mimetische Nachäffung durch den User. Vielmehr ergötzt sich die Welt daran, den Schleier der Prominenz durchbrochen zu sehen, weil wir sehen, was nicht einmal Paris Hilton selbst aus dieser Nähe sehen kann.



Seit dem Siegeszug der weltweiten Vernetzung und der Entwicklung schneller Datenleitungen, die den Stream-Konsum von Pornografie im Internet ermöglichen, entprofessionalisiert sich das Pornogeschäft. Was in den Produktionshallen des San Fernando Valley in den frühen Neunzigern als Albtraum kursierte, ist mittlerweile Realität. Jeder ist heute potenzieller Pornodarsteller. Seit Youporn 2006 online ging hat jeder, der das will, kostenlosen Zugang zu ungeschönten Amateuraufnahmen. Das Charakteristikum dieser neuen Form ist die Langeweile und das Gewöhnliche. Dort sind vornehmlich ältere Menschen, die zumeist nicht besonders schön sind, zu sehen. Youporn steht so für einen irrational exuberance der obszönen Zeichen. Baudrillard sagt: „Der Voyeurismus des Porno ist kein sexueller Voyeurismus, sondern ein Voyeurismus der Repräsentation und deren Verlustes, er ist ein durch den Verlust der Szene und das Hereinbrechen des Obszönen hervorgerufener Rausch." Allerdings hatte er die kapitalistische Verwertungslogik, die mittlerweile die gewöhnlichen Schlafzimmer erfasst, nicht zu Ende gedacht. Natürlich besitzt der konventionelle Porno noch eine Szene oder eine Erzählung, wenn auch keine komponierte Handlung. Natürlich beinhaltete er ein Arrangement, das im konsequenten Amateur-Porno notwendigerweise suspendiert ist. Wir haben es mit dem (über die technische Reproduktion vermittelten) Blick in die Schlafzimmer der Nachbarschaft zu tun.


  Niemand wird behaupten können, die Antike sei keusch gewesen. Aber die dargestellten Personen sind nicht hässlich.

Das Wohnzimmer ist mittels Webcam zur Kathedrale eines Hochamtes geworden, das sich im „Hoc est corpus meum“, im „Dies ist mein Leib“ genügt. Kein Hokuspokus der Beleuchtung, des Schnitts, der Montage. Das Ende des Geheimnisses. Unbarmherzige Wahrheit, die nicht am Spiel des Scheins, des filmisch-künstlerischen Als-Ob teilnimmt, sondern alles durch das Zerrbild des technischen Apparates zeigt. Es ist „das Pittoreske der anatomischen Details“ (Baudrillard), das dem Amateur-Porno einen Anstrich von Interpersonalität gibt. Ein „Was ich sehe ist wie ich“ überfällt den Zuschauer hinterrücks und er ist verwirrt. Denn der Verfremdungseffekt, den Baudrillard konstatierte, bleibt bestehen: Alles wird aus allzu großer Nähe betrachtet. So nah hat noch niemand sein Geschlecht gesehen. Es ist das Phänomen des Überrealen im Close-Up. Es geht nicht mehr um das Phantasma des Sex, bei dem man oft die Augen schließt, sondern das Phantasma des Realen, das die Augen starren lässt. Der Youporn-User sieht den User klassischer Pornos bei der Reproduktion der filmischen Arrangements mit den Mitteln (Körpern) des einfachen, ungeschminkten Menschen. Indem die Amateure nicht selten die Dramaturgie (Fellatio, Cunnilingus, vaginale Penetration, Anal-Verkehr, Cum-Shot) des traditionellen Pornos nachäffen, zeigen sie die Wechselwirkung und die Wirkmächtigkeit von dessen Arrangements. Nur dass die in die Sichtbarkeit des Internets gezerrten Körper Fettpolster und Hautunreinheiten haben, oftmals alt sind und sich in unvorteilhaften Posen zeigen.

Dieser Artikel soll mit der Vorhersage eines Trends schließen. Der Pornografie bleibt nur noch eine Möglichkeit der Entwicklung, solange sie bei ihrer Überbietungslogik bleibt. Das Bild muss eine Tiefendimension bekommen, die die Selbstreferentialität des pornografischen Zeichens in den Abgrund stößt. Der nächste digital-obszöne Trend ist der Youporn-Nutzer, der den Youporn-Nutzer dabei beobachtet, wie er Youporn nutzt. Indem die Zeichen immer wieder auf sich selbst verweisen, stürzt das Arrangement der Szene in den Abgrund der Bildtiefe. Der User sieht den User, wie er User sieht, die User sehen, die User sehen.

Kommentare

15.01.2011 15:18
Joan
virtual hole? haptische pornographie? was es so gibt!
15.01.2011 13:06
Unter dem angegebenen Link findet sich ein Video vom elektrischen Reporter (Mario Sixtus) mit dem Titel "Erwachsenenunterhaltung: Nichts Neues im Nacktprogramm?".

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