|
|||||
|
|||||
|
|||||
„I’m still here“ mit Joaquin Phoenix - Eine bitterböse Mediensatire
05.11.2010 12:50
Joaquin Phoenix beendet seine Karriere als Schauspieler und wird Rapper. Die Dokumentation seines Lebenswandels lebt von der Frage: Ist das jetzt echt, oder gespielt.
---
Die Viennale 2010 ist vorüber, die Kinos waren gefüllt, die Filme mitunter gut und sogar Lou Reed war zu Besuch. Bei den Cineasten im Vorfeld hoch gehandelt: Casey Afflecks Dokumentation „I’m still here“ über Joaquin Phoenix, den vermeintlich neuen Stern am Hiphop-Himmel. Im Rückblick würde man sagen, Phoenix hat es geschafft: Denkt man an ihn, denkt man automatisch an Johnny Cash und umgekehrt. Für seine Rolle in „Walk the line“ wurde er berechtigterweise für den Oscar nominiert. Dann, im Oktober 2008 verkündet Phoenix seinen Rückzug aus dem Filmgeschäft – er lässt sich einen überlangen Bart wachsen, trägt einen knuddeligen Bierbauch vor sich her und fängt an zu rappen. Und natürlich, neben der Sonnenbrille darf die ganz dem Gonzo-Journalismus verschriebene Kamera Afflecks nie fehlen. Zweifel, ob der Authentizität seines Vorhabens, gab es von Anfang an. Keine Diskussion über den Film, in der nicht das Wort „Fake“ fällt, kein Bildmaterial des Schauspielers ohne einen belächelnden Kommentar der Presse. Phoenix ist nicht mehr der angesehene Oscar-Anwärter, er ist jetzt ein bizarrer, rappender Vogel mit Kiffer-Bart. Das ist zuerst einmal irritierend. Soll das lustig sein? Meint der das ernst, oder ist er gar verrückt geworden? Auch der Filmtitel verweist schon auf den Identitätsbegriff, bezieht er sich doch auf Todd Haynes Bob Dylan-Hommage "I’m Not There", die Muster klassischer Biographien gezielt verwirft. Der Abspann gibt Aufschluss, heißt es dort doch „Written and produced by Casey Affleck and Joaquin Phoenix“. Mitte September dieses Jahres kam dann auch ein öffentliche Statement, der Film ist keine Documentary, sondern eine Mockumentary, ein fiktionaler Dokumentarfilm also. Man bedenke nur das absolut in die länge gezogene und theatralische Ende. Wer möchte denn da noch behaupten, das sei keine gestellte Szene? Wieso geben sich aber Affleck und Phoenix soviel Mühe, ihren Film so realitätsnah wie möglich erscheinen zu lassen, nur um im Abspann die Dekonstruktion mitzuliefern? Ein Beispiel (das um die Welt ging): Man achte mal nur auf die Körpersprache von Joaquin Phoenix. Wie er konstant vor sich hinstöhnt und seinen Kopf gesenkt mit den Daumen spielt. Dann ein scheues Lächeln ins Publikum und verlegenes Gemurmel. Dieser Mann spielt die Rolle des verängstigten, vom Weg abgekommenen Ex-Superstars beängstigend gut. Durch die Verschwiegenheit im Stile eines Borat (denn wer außer Affleck und Phoenix wusste von der Inszenierung?) gerät der Film zu einer bitterbösen Mediensatire. Phoenix Auftritt in der Talkshow David Lettermans (bei dem er sich mittlerweile in einem weiteren Auftritt Ende September entschuldigte) hat auch einen prominenten Platz im Film. In der Storyline versucht er sich gerade vom Filmrücktritt zu erholen, tröstet sich mit Koks, das er von den Brüsten einer Prostituierten schnieft (Stichwort Authentizität: ab und zu baumelt auch mal ein Penis durchs Bild, ständig wird gekotzt und gekifft). Phoenix spielt P. Diddy seine Demo-CD vor und nebenbei flippen die Medien völlig aus. Affleck und Phoenix dürften sich das ein oder andere Mal leise ins Fäustchen gelacht haben. Auf Youtube nicht zu sehen: Phoenix Heulkrampf im Anschluss an das Interview. Eine Metapher, die in der Frage aufgeht, was denn wäre, wenn Joaquin Phoenix, der zweifache Oscar-Nominierte, wirklich lieber Musik machen würde? Wenn er endlich wieder Joaquin sein will, und nicht das Hollywood-Produkt Joaquin? Die Reaktionen wären – und das zeigt der Film kristallklar – verheerend: Du bist Teil des Establishments, also verhalte dich auch so. Wir wollen über deine Filme reden, Hiphop ist nicht. Wenn du uns entkommen willst, hilft nur eine Überdosis... Das Anliegen von „I’m still here“ ist es, auf den gefährlichen Unsinn der Medien und des Showbusiness hinzuweisen. Hier wird keine Identität degeneriert, hier wird die Identitätslosigkeit des Establishments auf geniale Weise bloßgestellt. Für diesen Angriff braucht es den Anstrich der Glaubhaftigkeit. Ihr Kern liegt in der unglaublichen Performance von Joaquin Phoenix, der sich über ein Jahr von einer Kamera verfolgen ließ. Für den Zuschauer ist diese zur Schau gestellte Selbstauflösung teilweise nervenaufreibend, oder um bei den Worten des Regisseurs zu bleiben “It is a hard movie to watch”. Nicht unterschätzen sollte man aber den Aussage- und Unterhaltungswert, der jene belohnt, die sich trotzdem in die Kinos trauen. Während der Film in den USA schon seit dem 10. September läuft, ist der offizielle Kinostart in Deutschland jedoch noch unbekannt. Update (10.08.2011): Der Film kommt morgen in die deutschen Kinos! Kommentieren |
|||||