Aneinander vorbei geliebt.

geposted von johanna
23.09.2009 21:59
Raum in Giuseppe Piccionis "Giulia non esce la sera".

  Die Leere im Nacken.
Cinema! Italia! in Münster. Ich entscheide mich für Giulia non esce la sera, laut Programm ein tragischer Liebesfilm mit unerwarteten Wendungen. Er soll größtenteils im Schwimmbad spielen. Das interessiert mich, ich schwimme gerne und finde, dass der Ort ein enormes ästhetisches und philosophisches Potential besitzt.

Davon macht der Film auch Gebrauch. Die Handlung: Ein italienischer Gegenwartsschriftsteller, Guido Montani, steckt in einer Lebenskrise. Die ist ziemlich leise, so dass man sie zuerst kaum bemerkt. Doch mit der Zeit wird immer deutlicher, dass es einige leere Räume in Guidos Leben gibt. So ist seine Ehe nur noch eine Hülle, zwar liebt ihn seine Frau, doch hat er alle Gefühle für sie bereits verloren. Seine übergewichtige Tochter hat sich auch weit von ihm entfernt. Zunächst sprachlos sieht er zu, wie sie ihm immer weiter entgleitet, mit ihrem seltsam kauzigen Freund alle Zeit verbringt. Und zieht in einem heimlichen Moment einen Pornofilm aus ihrem Schulranzen.

Als seine Tochter nicht mehr zum Schwimmunterricht gehen möchte und ihm nahelegt, ihre Stunden auszufüllen (er gleitet durch die Räume der anderen), entschließt er sich, den Platz seiner Tochter zu übernehmen. Nicht zuletzt, da er sich in deren Schwimmlehrerin verliebt hat. Die ist schön, schroff und rätselhaft. Doch die beiden nähern sich immer weiter an – Guidos Familie zieht derweil in eine Wohnung nach Rom um, es bleibt der Ausblick auf das leere Wohnzimmer von seinem Schreibtisch aus – und schließlich erfährt Guido von Giulia, dass sie wegen Mordes an ihrem Geliebten im Gefängnis sitzt und es sich bei den Stunden im Schwimmbad um ihren Freigang handelt.


  Die Leere im Blick.



So finden sich zwei verschiedene Verschiebungsbewegungen in dem Film: Guido, der immer wieder versucht, die Leerstellen um sich herum auszufüllen, immer wieder mit Leerstellen umgehen muss. Dann Giulia, die permanent bemüht ist, einen Ort für sich zu finden, da sie in einer übermäßigen Stabilität gefangen ist. Guido, der immer wieder angebotene Plätze ablehnt. Giulia, die versucht, verbotene Plätze einzunehmen (die Nähe ihrer Tochter). Ortlosigkeit ist ein großes Thema des Films: So changiert er zwischen einer räumlichen Über- (Gefängnis) und Unterpräsenz. Immer wieder wird getestet, was für die Individuen funktionieren kann: Das Meer, die Stadt, das Land, die Fantasie, das Schwimmbad.

Das Schwimmbad - was ist das eigentlich für ein Ort? Eine Art Zwischenraum: Es ist nicht laut und nicht leise, Menschen sind gleichzeitig unglaublich nah und weit entfernt, das Wasser ein schützender Mantel, das Licht tausend Mal schöner als draußen, der Körper klarer, weil er mehr Widerstand hat, die Gedanken kommen hinterher.
Der Film benutzt den leeren Raum und das Schwimmbad in ihrer symbolischen Qualität. Das Schwimmbad ist eine andere Qualität des leeren Raums - hier wird ein Raum mit Leere gefüllt. Eine Leere, die in ihrer Spürbarkeit die Möglichkeit bietet, den Blick auf sich selbst zu richten. Das Schwimmen als ein Zeichen der Selbstwahrnehmung, sich für nichts außer das eigene Überleben verantwortlich fühlen. So versteht man auch, warum Giulia sich nur im Wasser wirklich wohlfühlen kann. Sie leidet unter starken Schuldgefühlen, sagt: "Im Wasser ist es besser", während Guido das Schwimmen erst mühsam lernen muss. Er als eine Person, die selbst beinah leer ist, in anderen Identitäten sein Zuhause findet. Er lebt in einer Phantasiewelt, ständig umgeben von den Charakteren, die er für seine Geschichten erfindet.

Beide Personen befinden sich also in einem defizitären Zustand: Giulia kann den Blick nicht von sich richten, Guido, keinen Bezug zu sich herstellen. Das Wasser bietet eine Möglichkeit der Begegnung. Auch des Empfindens von Ähnlichkeit - ein Mal tauchen sie zusammen und sehen plötzlich die gleiche Welt. Sonst nicht: "Troppo fredo"!
Beide Figuren konstituieren sich durch eine Art von Leere, verpassen dadurch immer wieder den Kontakt zu ihren Mitmenschen. Doch auch ihre Liebe ist nur eine Illusion: Sie besteht darin, sich im leeren Raum zu begegnen - das Gefühl von Nähe, die nie wirklich da ist. Lieben ist aneinander vorbei lieben.


  Giulia non esce la sera.


Am Ende entkommt Giulia der Ortlosigkeit, indem sie es ablehnt, einen Ort zu besitzen und sich umbringt. Guido indessen gewinnt eine Leerstelle mehr. Und da er sich zu viel Zeit mit seiner Frau gelassen hat, scheint auch sie ihn zu verlassen. Was bleibt Guido? Ein nicht gewonnener Literaturpreis und Pralinenessen mit der Tochter. Und das Schwimmbad – allein mit vielen. Wenigstens kein Leben mehr hinter der Glaswand.

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