Zwei Tote. Ein Vater und sein Sohn. Eine verhasste Abhängigkeit.

geposted von gast
03.04.2011 19:55
Der thematische Höhepunkt, der sich im Laufe des Dogma- Films „Das Fest“ (Vinterberg, 1997) herauskristallisiert, findet seine tragische Fortsetzung im Theaterstück „Das Begräbnis“ wieder, welches zur Zeit auf der Bühne des Burgtheaters gespielt wird. Unser Gast Sophie berichtet, wie Thomas Vinterberg und Morgens Rukov „Das Fest“ in „Das Begräbnis“ verwandeln.


  Martin Wuttke als Christian. Foto: © Georg Soulek
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"Das Fest" war der erste Film unter dem Dogma 95, einem Manifest dänischer Regisseure um Lars von Trier, Kristian Levring, Søren Kragh-Jacobsen und eben jenen Thomas Vinterberg. In "Das Begräbnis" findet das vielgerühmte Werk eine Fortsetzung auf den Bühnen des Wiener Burgtheaters.

Was passiert also in einer Familie, wenn der Sohn nach Jahrzehnten ein offenes und zugleich allseits gehütetes und noch vielmehr gefürchtetes Geheimnis in einer Rede anlässlich des Geburtstages seines Vaters, zur Sprache bringt? Nichts.

Es ändert sich nichts; bis auf den Fakt, dass alle Geschwister über 10 Jahre hinweg keinen Fuß mehr über die Schwelle des Elternhauses setzen - der familiäre Kontakt ist vor Schock erstarrt. Die drei Geschwister haben sich weit weg voneinander niedergelassen, um nicht durch den anderen an das Verdrängte erinnert zu werden. Doch die Narben der Kindheit und die daraus resultierende Bitternis über das Geschehene innerhalb der Familie, schlagen sich in ihrem groben Umgang miteinander und in ihrem nüchternen und vernichtenden Humor nieder. Bei ihrer Zusammenkunft aufgrund des Begräbnisses ihres Vaters, dem vergebens geliebten und deshalb verhassten Despoten, reißen die alten Wunden erneut auf.

Was passiert, wenn der Verursacher allen Übels stirbt? Nichts.

Es ändert sich nichts, bis auf den Aspekt, dass sich alle wieder im Elternhaus treffen, um von dem Toten anstandshalber Abschied zu nehmen. Der nicht mehr existierende Respekt voreinander und der, aus Hilflosigkeit entstandene, Zynismus prägen die Atmosphäre einer verlogenen und künstlich aufrecht erhaltenen Familienzusammenkunft. Sowohl der Umgang der Geschwister untereinander wie auch der Umgang mit der Mutter sind von vermeidenden Blickkontakten, nicht zu ertragenden Umarmungen und kläglich scheiternden Versuchen, Nettigkeiten auszutauschen, gekennzeichnet. Diese zum Zerreißen angespannte Atmosphäre gibt dem Zuschauer genügend Anlass, ein weiteres Inferno zu erwarten.

Es ist nur eine Frage der Zeit und eine Frage der Nervenstärke aller Beteiligten. Doch keiner hätte mit solch einer Wucht und mit einer derartigen Tragweite gerechnet. Das Opfer wird zum Täter und wechselt somit die langjährige Perspektive. Nach der humoristischen und grotesken Darbietung einer verschrobenen Familie kommt es nun zu einem Bruch. Die damalige Tragödie nimmt ihren Lauf; mit der Ausnahme, dass sie ihre Maske gewechselt hat und nun aus der Perspektive des eigentlich zu Schaden Gekommenen, ihre Netze weiterspinnt.


Über wie viele Generationen setzt sich ein „Familienfluch“ hinweg? Muss eine Tragödie zwangsläufig an die nächste Generation weitergegeben werden? Hier lautet die Antwort: Ja.

Wenn die Geschädigten mit all ihren Ängsten, mit ihrer Verzweiflung und mit ihrer Wut allein gelassen werden! Wenn niemand fähig ist, den Opfern zu helfen, weil sie nur damit beschäftigt sind, den familiären Schein zu wahren, dann geschieht das Unfassbare – das Missbrauchsopfer erstickt an seiner eigener Angst und an seiner eigenen Wut und findet den vermeintlichen Ausweg aus diesem Albtraum nur durch den selbst begangenen Missbrauch!

Vinterberg und Rukov gelingt es, die lang tabuisierten Themen wie sexueller Missbrauch innerhalb der Familie, als auch das Thema der Pädophilie sehr differenziert darzustellen. Sie beleuchten die innere Zerrissenheit des Vaters, einerseits seinem Trieb nachkommen zu müssen und andererseits dem Bewusstsein nicht entfliehen zu können, etwas Unrechtes zu tun.
Sie zwingen das Publikum dazu, die Augen vor etwas zu öffnen, das seit jeher verdrängt und totgeschwiegen wird; anhand eines Monologes werden unverfroren und ungeschönt die Gedanken und Empfindungen eines Menschen, der derartige Triebe und Wünsche in sich trägt, verbalisiert. Christian ist erst nach dem Missbrauch an seinem Neffen Henning fähig, über seine Emotionen zu sprechen, die er seit dem über Jahre hinweg erlebten sexuellen Missbrauch hat. Er ist der Dreh- und Angelpunkt. Er ist Opfer und Täter zugleich, da er innerhalb der Handlung beide Seiten einnimmt und den starken Drang verspürt, beide Positionen mit all ihren zerrissenen und abgründigen Gefühlen zu artikulieren.

Das raffinierte und aufwendige Bühnenbild des Burgtheaters ist ein würdiger Schauplatz für diese Familientragödie. Die verschiedenen Stockwerke des Hauses, in welchem das gesamte Stück spielt, werden anhand einer Drehscheibe ständig in Szene gesetzt; die daraus resultierende Dynamik auf der Bühne setzt sich auch in der leidenschaftlichen und großartigen Darstellung der Schauspieler fort. Bei aller körperlichen, gegenständlichen und emotionalen Bewegung gibt es allerdings eine Konstante auf der Bühne, die man fast übersieht – zu Beginn ist es ein Sarg, der dann zu einem Bett umfunktioniert wird, in dem eine Liebesnacht geplant wurde und zum Schluss ist es eine Zufluchtsstätte für einen Vergessenen, der bei aller Aufregung völlig außer Acht gelassen wird, obwohl er die meiste Zuwendung braucht. In diesem Falle wird erneut ein Opfer – ein Kind – übersehen.

Dieses Theaterstück ist Pflicht – die Abschlussszene spricht für sich selbst!

Nächster Termin im Burgtheater:
Sonntag, 02.05.2011 | 20.00 Uhr

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