The rest is ... music!

geposted von ole
08.10.2009 20:29
Der Prinz von Dänemark aus Stuttgart in Hamburg oder: Harald Schmidt in Strumpfhosen.

  Schmidt als närrischer Polonius
Am Höhepunkt des Abends – um entgegen aller Theaterkonventionen sogleich am dramatischen Gipfel des Stückes zu beginnen – schwebt eine riesige Kristallkugel in Form eines Totenkopfes herab auf die Bühne des Schauspielhauses Hamburg. Silberne Beleuchtung setzt ein, segmentiert den Schädel in tausend funkelnde Einzelteile und verwandelt Bühne, Parkett sowie die Ränge Eins und Zwei in eine diskothekische Sphäre. Doch niemand tanzt, nur ein junger Mann in schwarzem Umhang steht auf der Bühne. Ja, er ist’s: Hamlet, der Prinz von Dänemark.
Hierzulande kennt man diesen vor allem als ernsten, dem Phlegma nicht abgeneigten Bühnenhelden, der, gefangen in familiären Konflikten im kleinen dänischen Königreich, nicht nur ein fürchterliches Massaker heraufbeschwört, sondern nebenbei auch noch die wichtigsten Fragen der menschlichen Existenz beantwortet – oder zumindest aufwirft. Eine dieser Fragen betrifft bekanntermaßen nichts Geringeres als das Sein und dessen bösen Bruder: das Nichtsein.
Recht intensiv und tiefschürfend soll sich der junge Prinz mit diesem Problem beschäftigt haben – ich sprach nicht ohne Grund vom „Höhepunkt“ –, bei Shakespeare (einem englischen Dichter des 17. Jahrhunderts) zum Beispiel explizit 35 Zeilen lang, fünfunddreißig! Und das nicht irgendwo und irgendwann, sondern in der ersten Szene des dritten Aktes – nicht ohne Grund sprach ich vom „dramatischen Gipfel“ –, also auf der Spitze der berühmten Pyramide aus dem Schulunterricht.

Da verwundert es schon, dass sich der Hamlet des heutigen Abends – eigens für die zweistündige Aufführung des Musicals Der Prinz von Dänemark wurde er mitsamt seiner zwielichtigen Entourage wiederbelebt – deutlich bescheidener gibt. Was wir hören, sind keine 35 fleißig auswendig gelernten oder auch ins Blut übergegangenen Zeilen Metaphysik – nein! Was wir hören, ist die Melodie von With Or Without You von U2 (falls sich drei Akkorde schon für den Terminus „Melodie“ qualifizieren, vgl. dazu auch hier), die Hamlets Tenor mit dem Einzeiler „Sein oder Nichtsein“ begleitet. Der Totenkopf schwebt über dem jungen Prinzen, dem plötzlich ein Mikrophon in die adeligen Hände gefallen ist. Verdeutlicht es damit vielleicht die ‚Schwere’, die im Gesagten begraben liegt? Vielleicht. Vielleicht auch nicht, vermutlich dient die glitzernde Discokugel auch nur als Übergang für das kurze Feuerwerk am Ende des viersilbigen Monologs, das dem Pyrotechniker des Hauses einen kleinen Nebenverdienst beschert, und den freilich lasch gespannten dramatischen Bogen zu den folgenden Szenen spannt.


  Der kristalline Tod


Erstaunlich an dieser Szene ist aber nicht der Totenschädel, noch weniger die live aus dem „Orchestergraben“ eingespielte Musik, an deren Omnipräsenz man sich in der ersten knappen Stunde (eine Einteilung in Akte muss an diesem Abend verworfen werden) schon längst gewöhnt hat. Erstaunlich ist vielmehr die Tatsache, dass Hamlets Monolog ganz ohne einen Mann auskommt, dessen Name und unzählige Identitäten den gesamten Abend überstrahlen wie der leuchtende Totenkopf Hamlets Gesangseinlage: Harald Schmidt.
Schon der Untertitel von Der Prinz von Dänemark, der „ein Hamlet-Musical von und mit Harald Schmidt“ ankündigt, lässt Hamlet namentlich in das zweite Glied zurücktreten. Dementsprechend richtet sich die Aufführung, als Gastspiel aus dem beschaulichen Stuttgart für ein Wochenende an das Hamburger Schauspielhaus geladen, auch nicht an Freunde des klassischen Theaters oder der englischen Literatur, sondern an Fans von Harald Schmidt bzw. an all diejenigen, die ihm trotz seines rasanten Leistungsverfalls im Öffentlich-Rechtlichen noch die Treue halten. Die Regie hat er zwar offiziell einem gewissen Christian Brey überlassen, doch weder lohnt es, sich die Namen des Regisseurs, der Bühnenbildner, Souffleusen oder Pyrotechniker einzuprägen, noch eine dramatische Konzeption des Stückes zu skizzieren. Sie war schlicht nicht vorhanden, ebenso wenig wie die anderen Schauspieler in der Wahrnehmung des Publikums. Es gab nur ihn, Harald Schmidt, alle warteten auf seinen Auftritt, und man wird nicht enttäuscht.

Nachdem sich anfangs Claudius mit Sympathy For The Devil dem Publikum vorgestellt und so auf entzückende Weise für wenige Augenblicke die Vision eines ein Staatsamt bekleidenden Mick Jaggers verwirklicht und sich die reizende Ophelia – als blonder Vamp nach Harald Schmidt der zweite Blickfang – fast standesgemäß in Britney Spears’ Brautkleid mit Like a Virgin charakterisiert, hat unser Warten ein Ende: Schmidt betritt die Bühne.
Als wandelnder Geist des toten Vaters erscheint er dem verwirrten Prinzen, der zuvor von seinem schwulen Freund Horatio (auch dieses Klischee wird bedient) auf die mystische Anwesenheit des Vaters aufmerksam gemacht wurde (im Übrigen eine der wenigen Aussagen Horatios, die nicht in einem herrlich penetranten „Ich liebe dich“ an Hamlet münden). Umhüllt von unzähligen Quadratmetern weißem Stoff steht er nun im Mittelpunkt der Bühne und Aufmerksamkeit. Aber erst als er seine Stimme erhebt, die durch die weiße Haarpracht dringt, ist man sicher; er ist’s, Harald Schmidt. Erfreulicherweise rezitiert er keine schwachen Pointen von Papptafeln, die ihm engagierte ARD-Aushilfen entgegenhalten. Er ist ganz Hamlet senior – und fühlt sich darin sichtlich wohler als in Gesellschaft von Nichtgrößen wie Katrin Bauerfeind (so hieß die doch, oder?) oder dem nicht tot zu kriegenden Helmut Zerlett.



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