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Tom meets Zizou
11.08.2011 19:20
Unser fleißiger Gast Julian Zwingel sah die Langzeit-Dokumentation über den Mann, den sie einst Mozart nannten: Thomas Broich. Gedanken über die Schattenseiten des Fußballs
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Der Fußballer Thomas Broich war einst Hoffnungsträger vieler Fans der deutschen Nationalmannschaft für die WM 2006 und wurde in einem Atemzug mit Spielern wie Bastian Schweinsteiger und Philipp Lahm genannt. Noch heute ist er ein gefeierter Held. In der ersten australischen Profiliga. Jetzt hat sich der Filmemacher Aljoscha Pause die einzigartige Geschichte des Fußballers und Menschen Thomas Broich in einer vielbeachteten Langzeit-Dokumentation erzählen lassen, die Erinnerungen an die Schattenseiten des Bundesligafußballs wach werden lässt. Weser-Stadion, Bremen, 27.03.2010, kurz vor 17 Uhr: Noch einmal Warmlaufen, ein letztes Mal Trainingsanzug gegen Trikot tauschen und mit Vollgas auf den einst angestammten Platz hinter den Spitzen. Thomas Broich ist zu diesem Zeitpunkt 29 Jahre alt, bestreitet das 87. Bundesligaspiel seiner Karriere, in der er für Borussia Mönchengladbach, den 1.FC Köln und den 1.FC Nürnberg auflief. Betrachtet man die nackten Fakten Broichs bisheriger Bundesliga-Karriere hebt sie sich nicht besonders ab von Spielern wie Raimund Krauth vom Karlsruher SC oder Dirk Krümpelmann von Fortuna Düsseldorf, die ebenfalls auf 87 Einsätze in Deutschlands höchster Spielklasse kommen. So weit, so unspektakulär. Trotzdem ist der Mensch und Fußballer Broich in der Fußballwelt derzeit in aller Munde. Der Dokumentarfilm des Filmemachers Aljoscha Pause, der Broichs Leben porträtiert, ist der Grund dafür. Genauer gesagt: die außergewöhnliche Beziehung zwischen dem hochdekorierten Journalisten und Filmemacher und dem feinfühligen Ballkünstler. Der Wegbegleiter Pause dringt teils tief in das Privat- und Seelenleben des Profis ein. Er filmt ihn in den größten Krisen und in unbeschwerten Momenten. Teilweise scheint es so, als ob der Zuschauer die Rolle der Mitbewohner, Kollegen oder Trainer Broichs annehmen könnte. 3D-Kino, in dem man keine 3D-Brille braucht, in dem die räumliche Tiefe durch inhaltlichen und emotionalen Tiefgang ersetzt wird. Kein Schulterklopfen mehr Der Schlüssel zu dieser Welt ist die Vertraulichkeit von Filmemacher und Protagonisten. Nicht die Vertraulichkeit, die zwei Vereine vereinbaren, wenn unanständig hohe Gelder bei Millionentransfers geheim gehalten werden sollen oder die Vertraulichkeit, die durch Vertragslaufzeiten begrenzt wird. Es geht um Verbindlichkeiten einhalten im Sinne von Freundschaft. Ohne das hundertprozentige Vertrauen Broichs hätte Pause dem Kölner Profi beispielsweise niemals die vernichtende Kritik an Christoph Daum entlocken können. An die Öffentlichkeit gelangt, hätte besagtes Interview höchstwahrscheinlich Broichs Rauswurf bedeutet, verbunden mit einer deftigen Geldstrafe des Vereins. Mündige, kritische Spieler hatten eben noch nie Hochkonjunktur im Profifußball. Es ist ein bitterer Blick der Fußballbegeisterten in den Spiegel und auch in den Bundesligaalltag, den Pause und Broich bereithalten. Wer noch Illusionen vom Leistungsgedanken, von Teamplay und Zusammenhalt in einer Bundesligamannschaft hat, wird derer durch diesen Film beraubt. Wer durch Hochglanzstadien geblendet und durch Heldengeschichten von der Wahrheit abgelenkt wurde, den holt dieser Film wieder auf den Boden der Tatsachen. An manchen Stellen tut dieser Film der Fanseele richtig weh. Aus großen Zampanos werden zahnlose Tiger, aus Fußballgenerälen werden feudal herrschende Fußballlehrer. Misstrauen, Unsicherheit und auch Abneigung prägten im Laufe der Zeit zunehmend Broichs Verhältnis zum Bundesligazirkus, der an seinen festen Standplätzen wie München, Hamburg oder Köln Wochenende für Wochenende Halt macht. Ein durchgeplanter Rahmen, in dem jeder innerhalb von wenigen Tagen vom Helden zum Deppen werden kann und umgekehrt. Kritik an den Medien, die natürlich ob des öffentlichen Interesses laufend Neuigkeiten berichten und im schlechtesten Fall produzieren müssen, übt der Bayer genauso wie Kritik an Mitspielern, denen nur allzu oft das eigene Ego, dem Spaß am Spiel und dem Teamgedanken, wichtiger sei. Nicht zu kurz kommt aber auch Broichs Selbstkritik, nach der er gerade am Anfang seiner Karriere alles mit sich machen ließ und die viel thematisierte „Leck-mich-am-Arsch“-Mentalität annahm. Broichs am Anfang gern gespielte Rolle vom intellektuellen Zauberer, dem Alternativen, dem philosophischen Querdenker, wurde ihm zunehmend zur Last. Auch wenn die Dramaturgie des Films oft suggeriert, dass es das zum Großteil knallharte Geschäft war, das den Fußballer und Menschen Broich verzweifeln ließ, wartet dieser an einigen Stellen mit anderen Erklärungen auf. Das erfrischend ehrliche Eingeständnis, dass er letztendlich nicht den Biss und Willen hatte, sich durchzusetzen, ist eine davon; dass es fußballerisch einfach nicht mehr gereicht habe, eine andere. Es sind Statements wie diese, die den Film vor zu viel Rührseligkeit und Schwarz-Weiß-Schubladen-Denken bewahren und ihm auf dem schmalen Grat zwischen Selbstmitleid und ehrlicher, auch selbstkritischer Analyse den Grip unter den Fußballerschuhen geben. Same, same but different Beschäftigt man sich mit der Geschichte Broichs landet man sehr schnell auch bei den ehemaligen Fußballern Sebastian Deisler und Robert Enke, die ebenfalls auf ganz unterschiedliche Weise Probleme mit den Mechanismen des modernen Profifußballs hatten. Einige Parallelen sind dennoch nicht zu leugnen. Alle drei wurden in jungen Jahren sehr schnell hochgejubelt, alle drei spielten am Anfang Ihrer Karriere bei Borussia Mönchengladbach, alle drei hatten auf die ein oder andere Art und Weise eine Sonderrolle oder zumindest das Image des etwas anderen Profis, alle drei sind bzw. wären jetzt in einem guten Fußballalter und hatten die Anlagen für eine glanzvolle Karriere im Reich des Scheinwerferlichts. Und vor allem hatten alle drei mit großen Schaffenskrisen zu kämpfen, die direkt mit dem äußeren und eigenen Leistungsanspruch und der damit in Wechselwirkung stehenden chronischen Aufgeregtheit von Medien und Umfeld, zu tun hatte. Die Auswirkungen und der Umgang mit dieser schwierigen, teils dramatischen Situation waren bei Broich, Deisler und Enke jedoch grundverschieden. Das ehemalige Jahrhunderttalent und Ex-Bayern-Profi Deisler hatte nach seinem Wechsel von Hertha BSC Berlin zu den Bayern mit schweren Depressionen zu kämpfen, fand zeitweiligen Unterschlupf beim menschlich von Vielen verkannten Bayern-Manager Uli Hoeneß und kapselte sich nach Klinikaufenthalten vom Profifußball ab. Wie Broich vertraute er sich einem befreundeten Sportjournalisten an und veröffentlichte mit einigem zeitlichen Abstand im Jahre 2010 ein Buch, in dem er seine Erfahrungen im Profifußball und den Kampf gegen seine Krankheit thematisierte. Ein Buch, das nicht das Ende eines Verarbeitungsprozesses ist, sondern vielmehr ein vorläufiges Fazit, nach dessen Lektüre sich Fans und Wegbegleiter oft noch mehr Sorgen um Deisler machen mussten, als vor der Veröffentlichung. Noch heute will Sebastian Deisler mit Fußball nichts zu tun haben. Kommentare16.02.2012 17:23
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07.09.2011 11:32
"3D-Kino, in dem man keine 3D-Brille braucht, in dem die räumliche Tiefe durch inhaltlichen und emotionalen Tiefgang ersetzt wird". So hab ich den Film auch gesehen. Erwähnenswert ist, denke ich, auch die musikalische Gestaltung des Films. Roland Meyer de Voltaire gelingt es überragend die Stimmungen zu untermalen. Ohne Kitsch, glaubwürdig und - die Parallelen zu The xx sind ja schon hörbar - den Ton der Zeit treffend.
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