Du sollst dir kein Bildnis machen.

geposted von johanna
01.11.2009 12:57
"Das weiße Band" von Michael Haneke und die Bibel.

  Zweite Schöpfung.
„Und Gott sprach: Laßt uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“
So wird die Schöpfung des Menschen im 1. Buch Mose motiviert. Der Mensch als ein ikonisches Zeichen, in einer Beziehung der Ähnlichkeit zu Gott. Gott bildet sich selbst auf der Erde ab, er schafft Zeichen. Doch mit einem gewissen Eigenleben: Diese menschlichen Zeichen verfügen über einen eigenen Willen, über eigene Fähigkeiten, intentionale Handlungen auszuüben – und also selbst Zeichen zu schaffen. Schnell gerät die Situation außer Kontrolle: Was zunächst nur Gott tat, Abbilder erschaffen und dadurch einer Sache habhaft werden (das Wort als Tat), versuchten auch die Menschen. Sie leiteten einen Rückkopplungseffekt ein, machten sich durch Abbildung göttlicher Figuren beinah unabhängig von ihrem Schöpfer, werden selbst zum Schöpfer (ihres Schöpfers). Doch der ahnt Gefahr und schickt ihnen ein Gebot:
„Du sollst dir kein Bildnis machen, keinerlei Gleichnis, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, noch des, das im Wasser unter der Erde ist.“

Es ist ein interessantes Verhältnis, das diese beiden Zitate aus den Mosaischen Büchern zueinander besitzen. Im Vorhergehenden habe ich es bereits angedeutet: Die Erfindung eines Zeichens für etwas kann begriffen werden als ein Machtverhältnis zwischen dem Zeichen und der dadurch bezeichneten Entität. Plausibel wird dies zum Beispiel in der Tradition der Voodoopuppen: Hier wird von einer teilweisen Identität eines Abbilds mit dem Abgebildeten ausgegangen – schade ich dem Zeichen, so kann ich auch dem bezeichneten Menschen schaden. Geht man von einem ähnlichen Zeichenverständnis in der Bibel aus, so kann es als ein gefährlicher Angriff auf die Ordnung der Dinge verstanden werden, sich ein Bild Gottes zu machen – indem ihm die Verfügungsgewalt gegenübergestellt wird und es zur Entstehung einer doublebind-Situation kommt.

  Das Bild von mir.

Michael Haneke illustriert diese Gefahr in seinem Film „Das weiße Band“. Er zeigt, was passieren kann, wenn ein Mensch als göttliches Wesen sich ein idealtypisches Bild seiner selbst macht – und sich als Individuum darin verliert. Die Konstruktion dieses idealtypischen Bildes beruht auf christlichen Leitbildern und gleicht darin der Schaffung eines Gottesbildes. Es ist ein Protestantismus, der seine eigenen Leitlinien noch nicht richtig umsetzen kann: Sola scriptura (nur die Bibel), sola fide (nur der Glaube), sola gratia (nur die Gnade), so lauten die Ideale (in Abgrenzung vom Katholizismus) des Protestantismus. Friedrich Wilhelm Graf meint dazu, dass „die Bezogenheit auf Gottes Wort, auf Christus [...] zur religiös entscheidenden Definitionsebene [wird], [a]n die Stelle von institutioneller Außenlenkung [...] eine allein an Gottes unverfügbarem Wort orientierte Innenleitung [tritt].“ Der Protestantismus in „Das weiße Band“ schafft das nicht. Das Vertrauen darin, ein zwar der eigenen „ tiefen Sündhaftigkeit, Verlorenheit, Schuld und Erlösungsbedürfnis ausgesetzt[es]“ Individuum, darin aber Abbild Gottes im primären Sinn der Schöpfung zu sein, tritt hinter dem Bedürfnis, sich ein an äußeren Idealen orientiertes Selbstbild zu schaffen, zurück. Die Selbstkonstruktion als Frommer, der Nachahmung der vermuteten von Gott intendierten Idealvorstellung seiner selbst, entspricht dem vorhin ausgeführten Rückkopplungsprozess: Das Individuum, das selbst ein Abbild darstellt und damit in die Gnade (gratia) Gottes gegeben ist, emanzipiert sich aus diesem Machtgefüge, indem es selbst zum Abbildenden wird – es formt sich selbst als Bild. Und hier hat man es mit einer Abweichung zum biblischen Szenario der tatsächlichen Gottesabbildung zu tun: Gott wird nur indirekt abgebildet, indem der Mensch versucht, sich nach seinem Abbild neu zu erschaffen. Grund hierfür ist mit Sicherheit eine steigende Komplexität des Gottesverständnisses und der Zeichenwelt. Für das menschliche Individuum resultieren hieraus erhebliche Existenzkonflikte.

  Michael Haneke.

Es ist nicht möglich, sich selbst Gott abzubilden, denn das ist bereits geschehen. Die eigene Existenz als Gläubiger ist konstitutiv mit der eigenen Existenz als Gottesabbild verwoben. Der Versuch der Selbstoptimierung nach Gottes Maßstäben stellt somit einen Akt der Gotteslästerung statt Treue dar: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Unbewusst löst sich das Individuum aus der Abhängigkeit zu Gott, allerdings nicht in eine Selbstbestimmung, sondern einer selbstgeschaffenen Abhängigkeit von einer Leerstelle, einer Vermutung, einer Tradition. Was daraus resultiert, lässt sich anschaulich nachvollziehen: Die menschliche Existenz als doppeltes Zeichen bringt eine Kultur der Unterdrückung, Orientierungslosigkeit und des Selbstverlustes hervor; und die Unmöglichkeit der Verbundenheit von Menschen – wir sehen vereinzelte Subjekte, die ihrem eigenen Bild hinterherlaufen. Diese nicht vorhandene Möglichkeit des zu sich selbst Kommens, das Leben in komplexen Gefügen von (Selbst-)Zwängen führt zu einem Ohnmachtsgefühl, das sich in Aggressionen äußern muss. „Das weiße Band“ legt nahe, dass die letzte Konsequenz die Greueltaten des Nationalsozialismus sind. Eine kollektive Entladung eines kollektiven psychischen Ungleichgewichts. Was lässt sich für den Moment daraus gewinnen?

Entwerfe dich selbst nach dir selbst. Ein Hingegebensein in Gnade, zwar nicht unbedingt an eine übernatürliche Macht, jedoch nach den Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Persönlichkeit. Das eigene Aufderweltsein ist bereits die Genese eines Zeichens – es gilt, dieses Zeichen zu gestalten und nicht gegen ein anderes zu ersetzen.
Echter Individualismus, der zu einer echten Gemeinschaft führen kann.

Kommentare

11.03.2010 13:14
julian
das weiße band gibt es jetzt, auch ohne oscar, auf dvd!
27.02.2010 18:11
peter
ich mag die nackte kanone.
22.12.2009 00:51
dasgoldenekalb
ich hab das nicht ganz verstanden!? Was ist denn nun besser? der film oder das 1. buch mose?

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