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It's all about position
27.10.2009 20:00
Seit rund 10 Jahren fotografiert der Niederländer Hans van der Meer Fußballplätze. Was dabei entsteht sind brilliante Landschaftsaufnahmen und Dokumente eines Spiels in seiner ursprünglichen Form.
Blauer Himmel, die Landschaft zieht sich hügelig bis zum Horizont. Die Felder sind bestellt, es ist Sonntag und die Öde des nahegelegenen Ortes ist förmlich spürbar. Die gleichmäßigen Rechenspuren auf dem Acker, hintereinander gereiht auf der davorliegenden Straße einige Autos, alles in gewohnter Ordnung. Nur ein Dutzend Menschen hat den Weg ans Feld gefunden. Das Feld, der Sportplatz, der Fußballplatz, die grüne Bühne. Dreiundzwanzig Männerrücken sind zu sehen, aufgereiht wie an einem Faden begrüßen sie die Zuschauer. Sie winken ins Publikum, auf die Ränge, in Richtung der Felder. Sie winken in die Weite der Landschaft, über alles und jeden hinweg. Sie winken ins Nichts.
Es sind eben solche Situationen die Hans van der Meer sucht und die er festhält. Bilder, die Woche für Woche, hundert - ja tausendfach zu finden sind und jedem bekannt sind, der einen Teil seines Lebens in verrauchten Umkleidekabinen, mit übermotivierten Kreisligatrainern und auf beinahe unbespielbaren Fußballfeldern verbrachte. Es sind die Bilder von „European Fields“. Eine Sammlung der besten Aufnahmen des Holländers van der Meer, der mit seinem scharfen Auge und der eigentlich profanen Idee Fußballplätze als Orte in der Landschaft zu fotografieren, doch mehr auszusagen schafft als jedes moderne Sportfoto. Es ist die Art, wie van der Meer dem Betrachter das Spielfeld, das Spiel und damit auch seine Protagonisten zeigt, nämlich als Ganzes, als „overview“. Fotografische „overviews“ sind zum Ende der 50er Jahre beinahe vollständig aus der Presseberichterstattung verschwunden und damit, so van der Meer, haben Fotografen „eine ihrer Stärksten Waffen abgegeben“. Denn sind es nicht gerade die Gesamtansichten, die uns im kollektiven Gedächtnis herhalten sind? Herberger und Rahn auf den Schultern der Spieler unter den großen Longines-Uhren in Wankdorf oder Uwe Seeler mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern neben einer heiter aufspielenden Kapelle in Wembley.
Doch Stars und Profifußball interessieren van der Meer nicht. Er wird mit seinen „Feldforschungen“ zum Anthropologen, zum teilnehmenden Beobachter und liefert realistische Zeugnisse der Fußballkultur, für die in der Sportpresse kein Platz ist. Dabei sprechen seine Bilder mit viel mehr Dynamik als es moderne Sportfotos, aufgenommen von ultraschnellen Spiegelreflexkameras und lichtstarken Highspeed-Teleobjektiven, je könnten. Denn es ist eben die Dynamik, die das Spiel zu dem macht, was es ist - einem unberechenbaren, manchmal martialischen Kräftemessen. Teils sind es unerklärliche Szenen, die van der Meer zeigt, mal ganz eindeutige. Mal ist es wie Krieg, Menschen fallen, liegen, krümmen sich. Schwermütig. Mal ist es wie Tanz, leichtfüßig und ästhetisch. Immer aber ist es wie im echten Leben; es geht um Sieg und Niederlage, um Jubel oder Tränen, ungeschönte und knallharte Realität. Mal ist es Tragödie, mal ist es Komödie, Drama ist es immer. Dem Betrachter drängt sich bei den Szenen unweigerlich die Frage auf, welches System gespielt wird und ob überhaupt eines vorhanden ist. Ob nicht die Reihe aus vier Buchen am Spielfeldrand schwieriger zu umspielen ist, als die unkoordiniert agierende Abwehrkette aus den unförmigen Männern mit Halbglatze, die zwischen Mittelkreis und Strafraum mehr mit sich als mit ihren Gegenspielern zu tun haben. „Da ist doch der Platz zum Kontern. Die stehen völlig offen“, will man zwangsläufig rufen und merkt spätestens dann, dass van der Meer es schafft, über die Landschaft doch wieder das Spiel in den Mittelpunkt zu rücken. Manchmal führt er die Aktiven beinahe vor, führt das Spiel in und gerade wegen seiner Umgebung ad absurdum und degradiert es zur Belanglosigkeit. Und doch sind seine Fotos herzlich, erheiternd und unglaublich unterhaltend. Da ist die Partie im französischen Salon de Provence (S. 65). In sandfarbenem Gewand steht der örtliche Priester vor seiner sandfarbenen Kirche und verfließt in hellem Gewand mit Kirche und Ascheplatz. Einzig Torhüter (weit vor dem Tor stehend) und Priester bilden hier den Rückhalt des Teams. Von Abwehrspielern ist in der gesamten „eigenen Hälfte“ nichts zu sehen. Doch warum auch, göttlicher Beistand im Rücken reicht. In Dublin, Irland (S. 49) haben sich zwischen schrägen Linien, schrägen Torpfosten und schrägen Spielern einige Hirsche und Rehe als einzige Zuschauer an den Platz verirrt und betrachten ruhig das Geschehen im Strafraum. Die Spieler sind ebenso wenig beeindruckt wie die Elche.
Vielsagend bedient van der Meer die lokalen Stereotype. Matschiger Rasen, dreckbeschlagene Torpfosten und das tiefdunkle Grün des von Wasser durchtränkten Rasens: England. Und dann, auf Seite 44 entdecke ich diesen dreckigen englischen Acker. Aufgenommen ist das Bild beim 1:7 der Hollins Holms gegen Siddal Atheletic in Hebden Bridge. Hier habe ich schon gespielt! Als D-Jugendlicher. Es war meine erste Flugreise ohne Eltern. Unsere Partnerstadt, eben dieses schmutzige Hebden Bridge, irgendwo im Nirgendwo zwischen Bradford und Burnley ist Partnerstadt meines Geburtsortes und hatte zum internationalen Jugendturnier geladen. Und da sind sie, die Erinnerungen an Regen, schlechtes Essen, rauen Fußball, eine Niederlage und diesen grausamen Acker. So wird es vielen gehen, die einst in verrauchten Umkleidekabinen saßen, für die Trainer Autoritäten waren und für die Bänderrisse Blessuren, keine Verletzungen sind. Für alle anderen sind es schöne Landschaftsaufnahmen. European Fields. The Landscape of Lower League Football. Hans van der Meer. SteidlMACK. 25,00 €. hansvandermeer.nl
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