"On est pas Dieu!"

geposted von julian
11.11.2009 20:15
Der Film "Les Arbitres" dokumentiert mit unglaublicher Nähe die EURO 2008. Der Blick richtet sich dabei ausnahmsweise nicht auf Tore und Titel, sondern auf Pfeife und Fahne. Den Franzosen Yves Hinant, Eric Cardot und Lehericey Delphine gelingt mit Ihrer Dokumentation ein abwechslungsreicher, teils komischer Einblick in den Profisport "Fußball".

Das "Festival de Cine Europeo" im andalusischen Sevilla (6.-14. November) startete dieses Jahr mit dem Film "Les Arbitres", oder wie vom Veranstalter etwas brüsk übersetzt, "Kill the Referee".
In gewohnter Sönke Wortmann - Manier haben sich während der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz drei Franzosen aufgemacht, einer besonderen Spezies auf die Spur zu kommen. Die kommt mal in knallgelb, olivegrün oder mülltütenorange daher, gibt schrille Laute von sich und verkriecht sich ab und an im Spielertunnel. Sie rennt und winkt, sie schreit und tröstet und sie gerät nach 90 Minuten mit kühlem Gesichtsausdruck fast in Ekstase, als man Ihr sagt, dass "niemand, aber auch gar keiner, auch nur ein einziges Wort" über sie verloren habe. "Fantastisch, Wunderbar!", freut sich die Quadriga und klatscht sich ab. Wenn sich Menschen im Profifußball darüber freuen, dass niemand über sie spricht, haben sie entweder den Zenit ihrer Karriere überschritten und verfallen gerade in ironische Resignation, oder aber sie sind tatsächlich mächtig stolz darauf, denn sie sind Schiedsrichter.

Was es bedeutet, auf höchstem Niveau Fußballspiele zu leiten, das macht "Les Arbitres" in beindruckender Weise deutlich. Nach der Chronologie der Spiele begleitet der Zuschauer die EURO-Schiedsrichter auf ihrem Weg durch das Turnier und schnell wird deutlich, dass es für die Schiedsrichter mehr als nur darum geht, fehlerlos durch das Spiel zu kommen - es geht um den sportlichen Ehrgeiz, der Beste zu sein. Erstaunlich, wie die Schiedsrichterteams sich untereinander zwar respektieren, das Fußballturnier aber ganz klar als eigene compétition sehen und im Zwiespalt zwischen ihrem und dem Erfolg der Nationalmannschaft stehen. Und so, nehmen wir es vorweg, ist Roberto Rosetti (im echten Leben übrigens Krankenhausmanager und italienischer Lebemann) am Ende der unglückliche Glückliche, der das Finale zwischen Spanien und Deutschland pfeift. Sein spanischer Kollege Manuel Mejuto González hingegen kann sich über den Triumph seiner La Furia Roja augenscheinlich nicht so freuen, wie es der spanischen Mentalität in Situationen dieses ungewohnten und wohl lange nicht mehr nachzuholenden Erfolges angemessen zu sein scheint. Er steht fast emotionslos in einer Tapas Bar und kommentiert sämtliche Schiedsrichterentscheidungen, was die Menschen um ihn herum nicht sonderlich interessiert.
Es sind diese Spitzen, visuell wie auch verbal, die den Film ausmachen. Kostprobe:
Vierter Offizieller zu Massimo Bassuca über Headset während der laufenden Partie Griechenland - Schweden: therrre is a big stOrm in the city!
Bassuca: WHAT!?
VO: a big stOrrrm is coming, big rrrain!
Bassuca: what the fu***** hell are you talking?!
VO: therrre is a big storm in the city. so it maybe will come here… in a few moments… ähh.
Bassuca: SHUT UP!!!
VO: OK. BUT…… just to be prrrepared!
Bassuca: IVAN, PLEASE!!! concentrrrate. don’t talk for nothing!

Und doch findet die Doku immer wieder zu den ernsten Aspekten zurück. Denn spätestens als der englische Schiedsrichter Howard Webb nach einer Fehlentscheidung gegen Polen Morddrohungen erhält, wird deutlich, dass viele die Grenze zwischen Fan und Fanatismus nicht mehr kennen. Ein Hitler-Vergleich im Internet, Morddrohungen und die Familie unter Polizeischutz; die Zeiten von "Schiri, wir wussten wo dein Auto stand..." sind vorbei. Das ist bitter.
Fazit nach Abpfiff: Der Ball ist rund, der Film dauert 77 unterhaltsame und informative Minuten. Er sensibilisiert für die unglaublichen Leistungen und Nicht-Leistungen von Fußballschiedsrichtern und zeigt die Charaktere hinter der Pfeife.

Weitere Informationen:
Festival de Cine Europeo, Spanien

Kommentare

20.04.2010 15:38
jul
der film ist ab dem 21. mai als dvd im handel erhältlich und trägt den titel "referees at work". wieso der titel für die deutsche veröffentlichung einen englischen titel erhält, der im vergleich zum englischen titel ("kill the referee") doch recht blass erscheint, bleibt ein geheimnis.

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