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Das Drama der Komödie - Fatih Akins "Soul Kitchen".
20.12.2009 20:20
Liebe geht durch den Magen und das in Hamburg. So einfach ist es natürlich nicht - und vor allem muss kein guter Film draus werden. Das beweist Fatih Akin mit seiner neuen Komödie "Soul Kitchen". Findet zumindest hans jakob, unser erster gast.
Keine Frage, „Soul Kitchen“ ist ein sehr lustiger Film geworden. Fatih Akin wagt nach zwei Arthouse-Filmen den Schritt zurück zum klassischen Genre-Film: Liebesfilme hat er schon gemacht, Dramen auch, nun also eine Komödie. Aber so lustig „Soul Kitchen“ auch ist, an dieser Stilrichtung hat sich der deutsch-türkische Regiestar etwas verhoben.
Dabei beginnt die Geschichte vielversprechend: Der Deutsch-Grieche Zinos betreibt ein einfaches Lokal im Hamburger Norden. Fischstäben, Pommes und Eisbergsalat sind sieben Mal die Woche Tagesmenü - der Laden läuft eher schleppend. Dann beginnen die Probleme: Das Finanzamt sitzt Zinos im Nacken, seine Freundin zieht nach China und sein Bruder Illias steht vor der Tür und verlangt nach einem Schein-Job, um Freigang aus dem Knast zu bekommen. Aber Zinos kann seine Probleme nicht allein lösen: ein Bandscheibenvorfall verdammt ihn zur Immobilität. Rettung verspricht der exzentrische Koch Shayn. Doch der versteht sich als Künstler und macht nur Haute Cuisine. Zur Spitzenküche kommt dann noch die Soulmusik. Dafür sorgt Bruder Illias, der in der Disco Plattenspieler klaut, um Kellnerin Lucia zu beeindrucken. Alles scheint zu laufen, der Laden ist plötzlich gerammelt voll und das Restaurant "Soul Kitchen" wird endlich seinem Namen gerecht. Aber es folgt die unvermeidliche Bedrohung des Idylls durch Zinos alten Schulkollegen Neumann. Inzwischen zum Immobilienhai mutiert, will der den Laden kaufen, abreißen und am besten gleich die ganze Gegend gentrifizieren. Fiese Tricks sind zu erwarten. Die Zutaten für eine gute Kömodie sind also gegeben, das klassische Muster dieses Genres ist ja hinlänglich bekannt und in der Tat: Über weite Strecken funktioniert „Soul Kitchen“ ganz hervorragend. Das liegt vor allem an der ironischen Distanz die Akin zu vielen seiner Figuren hält. Moritz Bleibtreu spielt Zinos Bruder Illias als aufgesetzten, übervirilen Knastmacho und Neumann erfüllt als kapitalgeiles, moralverachtendes Investorschwein mit schwerem Riesen-Mercedes und hohler Tussi-Freundin („Ich will meinen Sekt!“) alle wohl gepflegten Vorurteile über die Verursacher der Wirtschaftskrise. Überhaupt sind die Nebenrollen passend besetzt und heimlicher Star des Films ist wohl Birol Ünel. Seine Darstellung in „Gegen die Wand“ brannte sich mit brachialer Präsenz und kratziger Attraktivität ins Gedächtnis. Akin hat das sehr genau erkannt und Ünel in der Rolle des Kochs als abgefuckten, einzelgängerischen Künstler inszeniert, der seine Messer gerne auch als Waffe einsetzt. Das alles ist, wie gesagt, ziemlich lustig.
Aber Fatih Akins große Stärke ist es eigentlich, Stimmungen auf den Punkt genau zu treffen. „Gegen die Wand“ war schnell und laut, explizit und letztlich zärtlich, „Auf der anderen Seite“ dagegen langsam und ruhig, implizit und doch ziemlich schmerzhaft. Doch ausgerechnet die Protagonisten mäandern diesmal konzeptionell irgendwo zwischen Klamauk und Kitsch. Der Film schafft es weder seine Figuren richtig ernst zu nehmen noch sich über sie lustig zu machen. Ein Beispiel: Lucia, die schöne Kellnerin, wohnt - natürlich illegal - in einem riesigen Loft in der Speicherstadt und will eigentlich „ihr eigenes Ding machen“, „unabhängig sein“, irgendwie halt „Künstlerin“. Akin driftet ins Drama ab, traut sich aber nicht, völlig ehrlich zu sein und bleibt in der Eigentlichkeit hängen. Ein paar Szenen später gibt’s dann einen erigierten Penis (höhö), einen derben Fick mit der spießigen Frau vom Finanzamt (hihi) und eine verpatzte Beerdigung inklusive Sturz auf den Sarg (boah). Und so hangelt er sich der Film von einem Klischee zum nächsten, versucht dem ganzen mit absurdesten Anarcho-Gags zu entkommen und gipfelt am Ende in einem klebrig-süßen Happy Ende. Konzenptionell geht das nicht auf und dramaturgisch leider auch nicht: In der Mitte hängt der Film durch und ist mit 100 Minuten gefühlte 20 zu lange geworden. Nach der NRW-Premiere in Münster erklärte Fatih Akin, er halte die Komödie für das schwierigste aller Genres. Während sich das Drama ab einem gewissen Punkt von selbst trage, erfordere die Komödie, so Akin sinngemäß, eine sehr präzise Kontrolle der Details, um am Ende den richtigen Ton zu treffen. Man merkte, dass Akin ein ziemlich intuitiv arbeitender Regisseur ist. Diesmal hat ihm seine Intuition leider nicht geholfen. Schade. Kommentare12.01.2011 21:21
Fatih akin macht gute filme er ist ein türke kein grieche seid ihr eig so behindert???????
10.02.2010 02:26
Schöne Kritik. Verständlich, pointiert und amüsant. Starker Satz: Die Beschreibung von Investor-Schwein Neumann.
"Akin driftet ins Drama ab, traut sich aber nicht, völlig ehrlich zu sein und bleibt in der Eigentlichkeit hängen": Den hättest du dir sparen können. Das verstehe ich nicht und da bleibe beim Lesen hängen - und sicherlich nicht in der Eigentlichkeit. Gruß, GastfreundNummerZwei 21.01.2010 09:05
Mir scheint das Problem vor allem zu sein, dass keine Szene "ausgespielt" wird. Es gibt eine Vielzahl irgendwie lustiger Szenen, die aber für sich isoliert bleiben und staccatoartig hintereinander abgespult werden.
Die Hälfte an Handlung und dafür mit mehr Gefühl genauer hinschauen und es hätte auch 100 Minuten lang ein schöner Film werden können. 11.01.2010 19:13
der film ist dreck!
27.12.2009 02:13
sehr erfrischend diese rezension hajo! endlich hat mal jemand tatsächlich etwas 'gesehen' und davon ganz ohne aufdringliches ichbinbildungsbürgertum anspruchsvoll berichtet.
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