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Atomkraft? Na gut.
02.04.2010 10:54
Der fränkisch-französische Fotograf Jürgen Nefzger legt mit seinem Bildband Fluffy Clouds ein nüchternes Zeitzeugnis zur aktuellen Energiedebatte ab. Während der hitzige Diskurs um den beschlossenen und doch verworfenen Atomausstieg in medialen Sphären weiterschwelt, hat das Gros der Bürger sich mit seinen ungeliebten Nachbarn, den Meilern, längst arrangiert - ganz im Geiste der Atomlobby?
Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Nutzergemeinde des artifarti-Podcasts,
bitte üben Sie sich in ein wenig Geduld. Denn ehe ich nun zur Beschreibung des nefzgerschen Wolkenwerks voranschreite und Ihnen damit die Anschaffung des Bildbands Fluffy Clouds nahelege, würde ich Ihnen gerne die Vorgeschichte zu diesen hier verfassten Zeilen skizzieren: Von einer plötzlichen Eingebung geritten, kam mir eines Tages die Idee, DIN A4-genormte Fotos von Atomkraftwerken auszudrucken und damit die (medial wohl meistdiskutierte) Energiequelle, die uns tagtäglich unter Strom setzt, auf meine Zimmerwand zu tapezieren. Im nächsten Augenblick habe ich diesen abstrusen Gedanke wieder verworfen. Bis mich ein Schlüsselerlebnis dazu veranlasste, dem Clemens (der mit den schönen Texten auf dieser Familienplattform) eine E-Mail zu schreiben: "Gestern konnte ich nicht einschlafen. In diesen Minuten des Drehen und Wendens fiel mir wieder ein, wo ich diese schicken Landschaftsaufnahmen gesehen habe, die Energie und Ruhe miteinander verschmelzen. Die Energiemonolithen, Kraftwerke jedweder Couleur, vorwiegend aber atomstromproduzierende Goliaths, nisten sich in der Landschaft ein, werden angenommen als landschaftsmodulierendes, aber nicht verschändelndes Mobiliar. Es ist das purste Idyll. Als der Regionalexpress mich heute wieder in Münster ausgespuckt hat, sehnte ich mich wieder zurück ins Emsland. Während sich hier wieder bodygebuildete Wolken dicht aneinanderdrängten, lachte über Lingen die Sonne. Der Kühlturm des Kernkraftwerks pustete dazu kleine weiße Zuckerwattewölkchen aus, die im seichten Wind tänzelten. Dieses Bild war mir befremdelnd vertraut. Ich kannte diese Szenen bereits. Nicht nur aus meiner Phantasie, wie ursprünglich - besorgt um meine eigene Gesundheit - angenommen. Die romantisierenden Bilder zierten mehrere Seiten des Atom-Issues des DUMMY Magazines. Als ich eines Morgens nach einer einnächtigen Gin-Tonic-Entschlackungskur bei M., dem Ästheten und kulturbeflissenen Polittalent, aufwachte, lag ich alkoholkontaminiert neben dem DUMMY. Dessen Titelfigur blickte auch nicht eben fitter drein. Der Fotograf dieser Fotoserie heißt Jürgen Nefzger. Nach ein paar Google-Durchläufen finden sich diverse Links zu seinem Schaffen. Seine Bilder von Atomkraftwerken sind im Bildband Fluffy Clouds erschienen. Ich quittierte meine Entdeckung mit einem zufriedenen Kopfnicken."
Wir sind von der Atomkraft abhängig - so der Tenor der Energie-Konzerne und einer CDU, die sich ihrer Sache auch nicht mehr ganz so sicher ist . Was bleibt als Alternative? Wer auf Erdgas setzt, macht sich schnell abhängig von teuren Importen. Wer regenerative Energiequellen anzapft, macht vermeintlich alles richtig, aber letztlich doch wieder vieles verkehrt. Denn was dem Staat durch Subventionen mehr und mehr aufs Portemonnaie drückt und den Fab Four (RWE, Eon, Enbw und Vattenfall) kleinere Gewinne in die Kassen spülen lässt, ist natürlich auch für den Endverbraucher, pardon, für den Bürger, nicht zum Schnäppchenpreis zu bekommen. Und die schmutzige Kohle? Der CO2-Fußabdruck lässt sich an den Spuren der Kohleenergie am unmittelbarsten ablesen. Je größer der Abdruck, desto höher die Treibhausemissionen und umso schneller erwärmt sich die Erde. Die Biologie- und Erdkundelehrbücher in den Schulen lehren es uns so. Warum also nicht auf eine Energie zurückgreifen, die keinen Schmutz unterm Profil hinterlässt, saugünstig ist und dazu auch noch totschick ist. Nicht der ach so gelbe Strom ist gemeint, sondern die Reaktoren, die landauf, landab seit Jahren ihren stummen Dienst verrichten und dies, geht es nach dem Willen einiger Unionspolitiker, auch weiterhin verrichten sollen. Das leuchtet ein. Die Kernkraft stört nicht, die Kraftwerke stehen in rarbesiedelten Gebieten und außerdem rauchen sie ohne Filter. Nein sie paffen nur. Das mag in diesem Fall zunächst weniger gesundheitsschädlich anmuten. Kann letztlich aber schneller, flächendeckender und vor allem billiger die alten Raucherkrankheiten unters Volk bringen. Aktuell treiben Politik und Medien den Diskurs zur Endlagerung atomarer Abfälle voran. Peu à peu wird deutlich, dass den im Salz liegenden Fässern nirgends dauerhafter Unterschlupf gewährt werden kann. Inwieweit betrifft die Debatte um das Schreckgespenst "Atomkraft" aber mein alltäglisches Leben? Wo dicke Bretter gebohrt werden und hinter den Kulissen fleißig gehobelt wird, sollten auch Späne fallen. Doch bekommt man diese im "Fußvolk" selten zu sehen, wenn man sich nicht immer wieder die apokalyptischen Bilder aus Tschernobyl vor Augen ruft. Aber diejenigen, die mit diesen warnenden Bildern hausieren gehen, sind unlängst auch nur noch Nervensägen des AgitProps.
Jürgen Nefzgers Bildband Fluffy Clouds verdeutlicht, wie sehr wir Menschen uns mit den Atomkraftwerken arrangiert haben. Der in Fürth geborene Nefzger reiste quer durch Europa, fotografierte Meiler in Frankreich wie in England, in Deutschland und in Spanien. Stets sind die Kraftwerke eingebettet in eine Landschaft. Sie sind mit ihr verschmolzen. Das Erstaunliche an den Aufnahmen, die als ironischer Wink mit dem Brennstab die sichere Allianz aus Natur und Technik suggerieren, ist, dass der Mensch geradezu störend auftritt. Die Natur als idyllischer Ursprung allen Lebens, das Paradies, sieht heruntergewirtschaftet aus. Von dieser Kulisse keineswegs abgeschreckt, arrangieren sich die Menschen mit der Situation, mit der Landschaft und den Energieblöcken. Im englischen Sellafield verbessern Golfsportler vor der glänzenden Kugel des Reaktors ihr Handycap. Der Golfplatz liegt unmittelbar neben dem Kraftwerk. Die Bewohner des nordfranzösischen Penlys planschen im Schatten des örtlichen Kernenergieerzeugers im Ärmelkanal. Ein Angler in Nogent-sur-Seine lässt im Klappstuhl die Seele baumeln. Hier ist er Mensch, hier kann er´s sein. Muss er auch wohl. Gänzlich unironisch - hoffe ich - setzt dagegen die Atomlobby ihre Kraftwerke in Szene. Vor strahlend blauem Himmel inmitten sommerlich grüner Landschaften überzeugen die kraftmeiernden Schützlinge des Lobbyverbands als filigrane "ungeliebte Klimaschützer". Mein Herz so weiß. Und auch die CO2-Weste bleibt sauber. So lautete damals die Kernbotschaft. Wer ins Paradies will, muss also auf Atomenergie setzen? Oder reicht beten? Ach Adenauer... In den 1950er Jahren war die Atomenergie noch der letzte Schrei. Heute ist sie nicht mehr zeitgemäß. Heutzutage ist es in der jungen feieraffinen Generation der "Nuller-Jahre" ja en vogue, Energie in alten Blockheizkraftwerken zu verschleudern. Jenseits der Orte der Energieerzeugung. Dies hier als Plädoyer für oder wider eine Laufzeitverlängerung zu lesen, bleibt jedem selbst überlassen. Nur sollte sich jeder darüber bewusst werden, dass auch der vitalste "alte Knacker" "Mutter Natur" nicht mehr in frühlingstolle Wallungen versetzen kann. Die Dame ist unlängst bleibend verwirrt. Die "ungeliebten Klimaschützer" sind unsere ungeliebten Nachbarn. Auch die kann man sich nicht aussuchen. Aber man kann ihnen aus dem Weg gehen. Jürgen Nefzger Fluffy Clouds Text von Ulrich Pohlmann, Gestaltung von Jutta Herden erschienen im Hatje Cantz Verlag Deutsch/Englisch/Französisch 2009. 144 S., 73 farbige Abb., 30,7 x 25,1 cm, gebunden € 35,– [D], CHF 59,– ISBN 978-3-7757-2598-9 Kommentieren |
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