Der Räuber. Ein Briefwechsel

geposted von artifarti
07.03.2010 12:00
Nach Der Schläfer startet in dieser Woche Benjamin Heisenbergs zweites Werk Der Räuber in den Kinos. Unsere Autoren julian und ole haben sich den Film unabhängig voneinander angesehen und schreiben über ihre Eindrücke.


  Der Räuber feierte bei der diesjährigen Berlinale Premiere.
Es ist die Geschichte des Johann Kastenberger, einem österreichischen Bankräuber und Mörder, die dem Autor Martin Prinz für den Roman Der Räuber zur Vorlage diente und der nun, in Überarbeitung unter gleichnamigem Titel, von Benjamin Heisenberg verfilmt wurde.


Lieber Ole,
Ich ging mit großen Erwartungen in den Film, nachdem ich im Vorfeld einen kurzen Bericht über den echten Kastenberger, seine Banküberfälle und seinen bis heute ungebrochenen Rekord beim Kainacher Bergmarathon aus dem Jahre 1988 las. Eine gute Story ist das, was Heisenberg da aufbereiten konnte, mit viel Potential für einen guten Film. Was ich gesehen habe, das blieb aber leider über weite Strecken blass.
Die Story Kastenberger, der im Film zu Johann Rettenberger wird, das ist doch eigentlich der Stoff aus dem gute Filme sind: Da ist ein Schwerverbrecher, der nach einem ersten misslungenen Bankraub gesessen hat, ein harter Typ eigentlich und wohl doch mit einer menschlichen Seite, denn er läuft Marathon - in Rekordzeit. Er schindet seinen Körper beim Training, führt akribisch Buch über seine Blutwerte und seinen Fitnesszustand, er zeigt die nötige Verbissenheit und das Durchhaltevermögen, das unerlässlich ist für diesen Sport. Und im völligen Gegensatz dazu verfällt er nach seiner Haftentlassung direkt wieder in das alte Muster des Bankräubers. Warum? Das beantwortet Heisenbergs Film weder direkt, noch gibt er dem Zuschauer Anhaltspunkte dafür. Konstruiert wird eine multiple Figur, schweigsam, undurchsichtig und trickreich, mir persönlich aber viel zu sympathisch – wie erging es dir?

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Lieber Julian,
auch ich habe im Vorfeld meines Kinobesuchs im Rahmen der diesjährigen Berlinale große Erwartungen an diesen Film herangetragen. Wenngleich ich weder die literarische Vorlage, noch das historische Vorbild der Hauptfigur kannte.
Doch schon der Titel – Der Räuber – war verheißungsvoll; assoziiert man doch in bester Bildungstradition mit „Räubern“ zunächst Stürmer und Dränger, den Konflikt zwischen individueller Freiheit und allgemeinem Gesetz, von Verbrechen und Strafe!
Nun wirft der Film diese Fragen ja auch auf: die scheinbar willkürlichen Banküberfalle sind ja Ausdruck bzw. Ventil des Freiheitsdrangs des Protagonisten, mit denen Rettenberger offensichtlich das erreicht, was ihm weder die Liebe zu Erika, noch das Leben in den „Schranken“ der bürgerlichen Ordnung ermöglichen – das Gefühl, lebendig zu sein. Das, was du als „Muster des Bankräubers“ bezeichnest, scheint mir der Kern des Rettenberger’schen Charakters zu sein. Man kann das freilich nur vermuten, der Film selbst verzichtet ja auf solche Hinweise fast völlig.
Und die von dir benannten Widersprüche sind offensichtlich: Da das Laufen im Grunde das zentrale Motiv des Films ist (und die Laufszenen die einzigen sind, die mit Musik untermalt sind) und es nicht nur als Vorbereitung der Überfalle dient, sondern Kastenberg zumindest kurzfristig „erfüllt“, bleibt es fragwürdig, warum Rettenberger nicht ein „Läufer“ wird und stattdessen ein „Räuber“ – und den Film zwangsläufig in eine banale Verfolgungsjagd münden lässt. Oder nicht?
Nicht zuletzt fiel mir die Identifikation mit der Hauptfigur – gerade weil sie so inkonsistent ist – sehr schwer, sodass weder Empathie noch Sympathie möglich waren. Inwiefern erging es dir da anders, weshalb war er dir "zu sympathisch"?


  Der Läufer.

Hallo Ole,
lass mich eines direkt aufgreifen. Wenn du schreibst "Scheinbar willkürliche Banküberfalle sind Ausdruck, bzw. Ventil des Freiheitsdrangs des Protagonisten", sehe ich dies anders. Für mich zeugen die Banküberfalle eher von einem Suchtsymptom. Genauso wie das Laufen, ist der Bankraub eine Extremsituation, bei dem – ab einem gewissen Punkt - eine endorphine Schwelle überschritten wird. Jedoch bleibt die Euphorie aus (jedenfalls wird sie dem Zuschauer nicht gezeigt), die die empfindungsregelnden Endorphine eigentlich bewirken müssten – Rettenberger zeigt nie, selbst nach Erfolgen, keine Ausdrücke des Glücks.
Die Charakterisierung als „zu sympathisch“ hinkt vielleicht etwas. Lass es mich so umschreiben: Er ist mir nicht unsympathisch, da er zu harmlos dargestellt ist, für das was er tut. Führe dir vor Augen, dass erst 20 Jahre vergangen sind, seit diese Ereignisse geschahen. Freie Adaption des Stoffes hin oder her - Ein Bezug zur Person Kastenbergs besteht immer und es gibt Opfer, Familienangehörige beiderseits. Bei so viel Kongruenz mit der Vorlage, hätte er böser sein müssen. Zumal, wie wir beide festgestellt haben, der Film weder Legitimation noch Ursache für sein Handeln liefern und ihm letztlich auch keine Schuld aufbürden! Da verhält sich die Heisenberg’sche Umsetzung einfach zu oberflächlich. Bitte erinner' einmal den Mord am Bewährungsbeamten. Es ist einfach zu flach, dass Rettenberger seinen Bewährungshelfer mit einem gewonnenen Pokal erschlägt. Die Realität hätte die Skrupellosigkeit doch viel eindringlicher vermittelt und das Böse an der Figur verdeutlicht. Vielleicht war ich aber auch durch die Berichterstattung über die reale Person zu voreingenommen? Kastenberger schoss seinem Opfer nämlich mit einer Pumpgun ins Gesicht.
Letztlich verpasst Heisenberg es auch, den Zwiespalt der österreichischen Bevölkerung zu zeigen, was in meinen Augen einen unglaublichen intensiven Blick in das Verhalten der Menschen und Medien ermöglicht hätte. Einerseits besteht da die Faszination für den Läufer, der nach dem Strafvollzug viele Rennen gewinnt, ohne zu wissen, dass er eine dunkle Kehrseite hat. Dann faszinieren sich die Menschen auch dafür, wie trickreich der Bankräuber vorgeht, ohne zu wissen, von derselben Person zu sprechen. Und gleichzeitig verkörpert Rettenberger den verachteten Mörder, der von der Bevölkerung gefürchtet wird. Ein Blick auf die Menschen im Umfeld, über Erika hinaus, der wäre spannend gewesen.

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Julian,
ich finde es ehrlich gesagt fast schon unanständig, dass du hier mit Kategorien „Gut“ und „Böse“ jonglierst, als würden wir über ein Computerspiel oder einen Fantasyfilm sprechen, in dem es darum geht, böse Feinde zu eliminieren, damit am Ende das Gute siegt! Ich bitte dich: Filme können, brauchen und dürfen vor allem keine moralischen Urteile fällen! Findest du nicht, dass es hilfreicher ist, solche Urteile, wenn überhaupt, dann den Zuschauern zu überlassen? Von da aus kann ich deine Argumentation, es gäbe ja Opfer, Familienangehörige, die historisch verbürgte Pumpgun und somit eine moralische Verpflichtung, zwischen Gut und Böse zu unterschieden, nur als gegenstandslos betrachten.
Nicht nur, dass sich der Film explizit nicht auf die historische Wirklichkeit bezieht, sondern „nach dem Roman von Martin Prinz“ konzipiert wurde – die „reale“ Vorlage also gleich doppelt fiktional gebrochen ist –, sollte deine radikale Einschätzung relativieren. Auch die Tatsache, dass schon der Titel impliziert, dass es eben nicht um das gesamtgesellschaftliche Umfeld geht, in denen die Banküberfalle begangen wurden (schließlich ist die Story im Vergleich zum Roman auch um gute 20 Jahre „verjüngt“ worden), sondern um die Figur des Räubers, um ein Porträt, eine Biographie, sollte dich milde stimmen. Du kannst von einem knapp zweistündigen Film nicht erwarten, dass er Psycho- und Soziogramm in einem ist! Und wir beide haben ja auch gesehen, wie schwer sich der Film schon damit tut, eine Charakterskizze des Räubers zu entwerfen – er wäre noch hilfloser gewesen, hätte er die gesellschaftliche Metaebene in Gänze mit einbeziehen müssen.
Deinem Einwand, sowohl Überfälle als auch das Laufen in den Kontext eines Suchtverhaltens zu stellen, würde ich beipflichten. Dass man zu keiner Zeit den Eindruck hat, dieser Mensch würde intensiv fühlen, lieben und glücklich sein, liegt meiner Meinung nach nicht nur in der Figur begründet, sondern auch im Regisseur, der wohl dem Glauben anhängt, Intensität und Authenzität durch minimalistische Dialoge, Schnitte und Bilder zu erzielen – dass seine Bilder, Figuren und der gesamte Plot dafür jedoch zu schwach sind, bemerkt er offensichtlich nicht. Diesbezüglich erinnerte mich der Film doch sehr an Der Freie Wille (2006) mit Jürgen Vogel, einem ähnlich ärgerlichen Porträt eines Schwerverbrechers.


  Der Schütze.

Hallo Ole,
vielleicht sollte ein Film dem Zuschauer das Urteil überlassen, dass er aber keine moralischen Urteile enthalten darf, sehe ich anders. Wir sind hier ja nicht beim objektiven Journalismus. Wie gesagt, die Charakterisierung der Person Kastenberger bleibt für mich der Schwachpunkt. Auch wenn, wie du sagst, "nach der literarischen Vorlage" gearbeitet wurde, hätte Heisenberg es besser umsetzten können - er hätte enger an dieser arbeiten können (Hier steht beispielsweise der Mord zu Beginn. Heisenberg ist das, wie er bei der Vorpremiere erläuterte, bewusst gewesen). Daher, um meinen Standpunkt nochmals zu stützen - er hätte sich bei der Adaption entweder näher an der Vorlage orientieren, oder sich weiter von ihr lösen sollen. Das Werk Heisenbergs bleibt für mich zu verwaschen in einem Zwischenraum, der es dem Film meiner Ansicht nach unmöglich macht, eine starke Umsetzung mit eigenem Charakter zu werden. Dass Heisenberg nicht deutlich die Grenze zwischen Kastenberger und Rettenberger zieht, ist das Diffuse. So bleibt der Film zu wenig berührend, zu wenig aufreibend.
Und die Zuschauer, bei aller Skepsis über das "Jonglieren" mit den Kategorien "Gut und Böse" - Die werden die Zuschauer werden zwangsläufig (Im Vorspann: "Dieser Film beruht auf einer wahren Begebenheit") eine Kategorisierung vollziehen. Und die Fragen und die Kategorisierung muss sich ein Film, der so nah an der Täterperspektive arbeitet, gefallen lassen. Diese Einschätzung resultiert auch aus den Fragen, die Heisenberger nach der Vorpremiere beantworten musste - sie kreisten alle um die "Realität", die "echte" Person, die Fragen danach, "warum ein Mensch so etwas tut“, „was in ihm einen 'Rückfall' ausgelöst hat".
Wir werden sehen, wie die Zuschauer den "Räuber" annehmen und bewerten werden.
Lieber Ole, vielen Dank für die spannende Diskussion und herzliche Grüße nach Hamburg!

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Lieber Julian,
in grundsätzlichen Fragen des Kunstverständnisses scheinen wir wohl nicht mehr auf einen Nenner zu kommen. Ich halte es trotz deiner Einwände für nicht haltbar, mit Filmen ein dualistisches Weltbild zu vermitteln, das darüber hinaus noch über ‚reale Menschen’, also in unserem Fall über die Person Kastenberger, Zeugnis ablegen will. Wir sollten uns noch ein gesundes Fiktionsbewusstsein erhalten – gerade das ist doch das Schöne an der (Film-)Kunst, dass sie die Freiheit hat, Dinge zu tun und auszusprechen, die z.B. Wissenschaft oder der „objektive Journalismus“, wie du ihn nennst und wie er nicht existiert, nicht können (aus ebenjenen moralischen Vorbehalten).
Und selbst wenn wir uns dazu durchringen, in der Figur Rettenberger den historisch verbürgten Verbrecher zu sehen, dürfen wir uns nicht anmaßen, den Menschen in „Gut“ oder „Böse“ zu klassifizieren! Weil, wie gesagt: die Kategorien einerseits eh absurd sind (als gäbe es „gute“ oder „böse“ Menschen; wenn, dann gibt es höchstens „gute“ oder „böse“ Handlungen und der Film glorifiziert nun wirklich nicht das Rauben und Morden – oder ist das Töten mit einer Pumpgun schlimmer als das mithilfe eines Pokals?) und wir andererseits den Menschen Kastenberger/Rettenberger schlichtweg nicht kennen – uns wird er nur als „Räuber“ vorgestellt, als kurze Episode eines Lebens, er hat keine Geschichte, keine Jugend, keine Eltern, keine Herkunft.
Und wenn die Zuschauer, wie du sagst, beim Schauen des Films zwangsläufig ein Urteil fällen, mag das so sein. An der fehlenden Differenzierung ändert es trotzdem nichts und wir, die sich eventuell etwas intensiver damit beschäftigen, sollten uns nicht an dieser verkürzten Sichtweise orientieren. Zumal, und das hat Regisseur Heisenberg auf der Berlinale in Hinblick auf die zweite Hälfte seines Films anklingen lassen, der Protagonist in seiner Rolle als gejagter Räuber weniger als Mensch dargestellt wird, sondern vielmehr als Tier, als gehetztes Wild, das nicht nur vor den Jägern flieht, sondern auch vor sich selbst und seinem Leben. Und am Ende verendet, nicht mehr laufen kann.
Unter diesem Gesichtspunkt habe ich schließlich doch noch ein versöhnliches Ende mit diesem streitbaren Film gefunden. Vielleicht geht es ja dir, den Lesern und anderen Zuschauern ebenso.

Kommentare

12.03.2010 13:46
W.B.
"Es gibt für die Menschen, wie sie heute sind, nur eine radikale Neuigkeit - und das ist immer die gleiche: der Tod."

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