Auch Deutsche unter den Friedenspreisträgern im Wunderland

geposted von clemens
25.03.2010 00:00
Da schaut man an einem Montag Abend in den Spiegel und sieht sich dreimal.
Gut, denkt man sich, kommt ja nicht oft vor, dass es einen dreimal gibt, das sollte man ausnutzen. Das Abendprogramm dreier Tage an einem Abend - ein triadischer Liveticker.


  Kino, Ausstellung, Sofa - Wo nehm ich Platz?
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Mit der Essaysammlung Auch Deutsche unter den Opfern also meldet sich Benjamin von Stuckrad-Barre zurück. Er schreibt in kurzen Kapiteln "teilnehmende Beobachtungen" und man weiß, wenn Benjamin teilnehmend beobachtet, nimmt der Leser meist erheiternd teil an seinem Buch.

Viel Gutes hörte man ja bisher nicht über Tim Burtons "Alice im Wunderland". Aber wann hat der gute Tim denn das letzte Mal schon einen schlechten Film gemacht? Okay, "Charlie und die Schokoladenfabrik" war ein bisschen nervig, aber zum Glück hat ja ein nerviger Tim Burton meist noch einen verrückt verkleideteten Johnny Depp im Gepäck (so auch hier) und die Welt ist dann doch wieder in Ordnung. Und außerdem 3D. Dreidimensional, überleg mal!

Frisch von der Leipziger Buchmesse ist sie gekommen; Die Wanderausstellung „Widerreden - 60 Jahre Friedenspreis des deutschen Buchhandels“. Sie gastiert nun bis zum 10. April im Foyer der Berliner Staatsbibliothek am Potsdamer Platz. Seit 1950 wird der Friedenspreis schon vergeben, Preisträger wie Albert Schweitzer (1951), oder Hermann Hesse (1955) verhalfen ihm, nicht zuletzt durch ihre Dankesreden, zum internationelen Renomee. Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung diskutieren Wolfgang Thierse und Friedrich Schorlemmer, der Preisträger des Jahres 1993.


  Dokumentation eines "Symbols unserer Kulturnation" (Horst Köhler): Der Friedenspreis

Spitzenkapitel. Stuckrad-Barre ist genervt von Günter Grass. Hat genug von dessen, auf einem Werk basierenden, andauernd selbstlobenden, Stand als politisch-moralischer Instanz ("Aber: Die Blechtrommel. Ja ja, schon gut") und nervt ihn deshalb mit Fragen bei einer Lesung. Nachträglich gibt Grass dem Benjamin Recht. Unterzeichnet da vor der Buchmesse ein Anti-Plagiats-Gelöbnis. Mischt sich politisch ein, bläst sich auf in dem supermegaüberbewerteten Fall Hegemann.

Die Next Generation trägt also im Kino Brille und zahlt dafür mindestens 12 Euro. Aha. Ist das denn schon der Film? Soll man es schon aufziehen, das Wayfarer-Brillengestell? Ein bisschen doof kommt man sich ja doch vor. Mit Brille. Im Kino. Für 12 Euro. Tatsächlich, das gehört zum Film. Wo ist das jetzt dreidimensional? Und wann ist die Alice endlich im Wunderland? Rahmenhandlung nervt!

Nachdenklich aufstützend sitzen sie da, Schorlemmer und Thierse. Was ist eigentlich Frieden? Wie ist er herstellbar? Man ist sich einig, mit Waffen alleine hat das nichts zu tun. Schorlemmer meint, um Frieden mit seinem Mitmenschen machen zu können, brauche man inneren Frieden. Wenn er da beispielsweise an seine Nachbarn mit der lauten "Bumm-Bumm-Musik" denke, ohne einen inneren Frieden sei er (der Pfarrersohn) da doch manchmal verlangt zuzuschlagen. Schmunzelnde Gesichter im Publikum, mancher traut sich leicht zu nicken.

Stuckrad-Barre ist jetzt auf der Fashion Week. Drittbestangezogener ist er in einer Wahl der Vanity Fair geworden und sinniert mit dem viertplaziertem DJ Hell über die Für und Wider von Hosenträgern. Clemens Schick kann die tragen, ist schließlich auch Bestangezogener. Trotzdem Skepsis am DJ-Pult. Wie schwer das doch im Allgemeinen ist, stylisch angezogen zu sein. Beispiel Schuhkauf im Winter in Berlin Mitte. Stuckrad-Barre weiß von asymmetrischen Frisuren, nicht jedoch von guter Beratung zu berichten.

Mal wieder die Brille abgesetzt, um nachzuschauen, ob man hier dreidimensional verarscht wird. Nein, das soll so unspektakulär sein. Immerhin ist Alice jetzt im Wunderland - da sind auch Johnny Depp und Helena Bonham Carter, der Hutmacher und die böse Hexe. Die müssen es jetzt richten. Die Charaktere der anderen Figuren sind so seltsam unterzeichnet, der Film nimmt sich keine Zeit für sie und hastet von Szene zu Szene: Oh, eine kiffende Raupe! Oh, eine Maus mit einem Säbel!
Ob wohl das Licht noch einmal angeht, ich verspüre Lust nach Eiskonfekt.



  Burton ohne Depp? Lieber nicht.

Ein Aufschrei aus dem Publikum: Raus! Sofort raus! Was ich, ach nee, doch nur die Soldaten aus Afghanistan. Thierse muss die Politik seiner Partei jetzt erklären. Verantwortung und so. Generell wird die Diskussion jetzt sehr politisch. Aber darum geht es dem vom Börsenverein ausgerichteten Preis ja auch: Politische Debatten soll er anstoßen. Jetzt gehts aber hoffentlich gleich mal zur Ausstellung.

Stuckrad-Barre schließt mit einem Gespräch mit Alexander Kluge. Mit dem kann eigentlich jedes Buch nur angemessen enden. Die Treffen mit Cem Özdemir in Kreuzberg ("Wäre ich ein Porsche, ich würde vermutlich schon brennen"), oder Guido Westerwelle ("Wie war das eigentlich mit Anfang 20, mit so aknevernarbter Haut...") versprechen allerdings mehr Nährwert. Insgesamt sehr lesbar das Ganze und mitnichten "vom Kalauerzwang getrieben" wie Kathleen Hildebrand in der FAZ behauptete.

Tim Burtons vielleicht schlechtester Film wird sicherlich bald sein finanziell erfolgreichster; Die böse Hexe Pecunia. Man möchte ja nicht das Ende des Films voraus nehmen, aber würde man es tun, der ein oder andere würde wohl eher statt ins Kino in die Videothek wandern und sich für 2,50 Euro Burtons "Edward mit den Scherenhänden" ausleihen. Ist zwar nicht 3D, aber lohnt sich wenigstens. Ist auch Johnny Depp drin und wenn der mal nichts retten muss, kann man ihn genießen.

Jedes Jahr wird bildhaft dokumentiert. Bei 1955 bleibe ich stehen. Der Friedenspreisgewinner dieses Jahres Hermann Hesse schenkt als Dank für den Preis ein Gedicht, dass sich hier abgedruckt wiederfindet. "Ich glaube, dass trotz des offensichtlichen Unsinns das Leben dennoch einen Sinn hat", beginnt es und man vergisst schnell, wie unzeitgemäß solche Stellwände doch als Repräsentation von Geschichte sind. Zumal sich hier jeder ein Bild machen kann, Eintritt muss man keinen zahlen.

06.04.10 Update: Nächste Station der Ausstellung "Widerreden" ist Neuss. Nähere Infos hier

Kommentare

07.05.2010 23:14
ff
ahja, verstehe jetzt absolut was du meinst. ist einleuchtend und nachvollziehbar.
du meinst, dass die form dem inhalt nicht ganz gerecht wird, oder?
und du hast irgendwie recht.
das switchende ist zwar ganz nett, aber unpassend. es besteht ja auch keine wirkliche verbindung zwischen den teilen. diese ist eben zu gewollt, inhaltlich aber nicht gegeben.
ob hier \"sinn im unsinn\" programm sein soll, weiß ich nicht. ist aber offensichtlich nicht dada hier und die form dominierend.
so allgemein ist ja klar, dass literatur an sich einfach unnütz ist, weil sie kunst ist. dieser text switched ja aber zwischen literarischem versuch, bericht und kommentar. wie das ja bekanntlich viele texte tun.
naja, und da wird es etwas schwierig.
der text muss dann als großes, gutes ganzes funktionieren, denke ich.
und man kann solcherart texte ja auch erkennen als gute texte in denen ein \"ich\" einfach nur \"sinnlos\" seine meinung konstatiert; vielleicht ist das pop.
und somit geschmackssache.
03.05.2010 14:09
nichts gesehen, nichts gelesen...
achso, heut erst wieder vorbeigesurft. also gerne: liveticker ticken nicht umsonst veranstaltungen gleichen formats ab. es geht um 3 oder wie viele fußballbegegnungen bspw., zwischen denen gerade so leicht geswitcht werden kann, weil man immer wieder in die selbe situation switcht, nur mit anderen mannschaften und spielstand. wenn irgendwo plötzlich ein tor fällt und dorthin geschaltet wird, ist allen hörerInnen klar, warum - und die emotionen können sich sofort darauf einstellen, frei laufen.
bei diesem kulturellen wellensalat funktioniert das aber nicht. ich fand die idee zunächst interessant, fühlte mich _gefordert_, dachte dann ich sei vllt. überfordert und hätte was nicht mitbekommen. aber wenn man die einzelstücke hintereinandersetzt, ließt man doch nicht viel, außer kleine anekdoten 3-4 verschiedener kultureller erlebnisse. wahrscheinlich soll es gar nicht _mehr_ sein, aber für mich stimmt die relation zwischen diesen für mich irrelevanten anekdoten und dem switchenden, konzentration fordernden modus nicht. letzten endes habe ich einfach nicht viel über das buch, über den film und über die ausstellung erfahren. ein meinung zu stuckrad-barre, zu tim burton, johnny depp und stellwänden habe ich bereits. ich hätte gerne mehr inhaltliche oder detailliertere auseinandersetzung gehabt, statt jeweils nur höchstens einen relevanten satz zum inhalt - z.b. mehr über die ausstellung erfahren wollen. nur stimmungen einzufangen, reicht mir in diesem format nicht. sonst lese ich hier ja auch dinge, die wenn sie mal nicht für mich informativ, zumindest unterhaltsam sind. das ist an dieser stelle nicht gelungen. wenn hier der "sinn im unsinn" programm sein soll, ist mir das zu banal.
bg
11.04.2010 19:53
ff
@mh: naja, es ist ja auch ein leicht literarisch angelegter text. und jegliche form von literatur ist ja so gesehen unnütz, also...
kritik in form von, \"hör doch einfach auf mit der scheiße, läuft eh nicht\", klingt n bisschen nach junge union. wenn du das nämlich so siehst, dass man anscheinend nichts zu sagen hat und TROTZDEM schreibt, dann kannst du den halben feuilleton in die tonne kloppen. rezensionen sind immer ein wenig literarische selbstdarstellung, nichts zu sagen haben und davon besonders viel. auch mancherlei scheinbare kritik ist nur ein stummer schrei nach liebe im weiten meer des nichts zu sagen habens...
29.03.2010 09:30
julian
an "nichts gesehen, nichts gelesen": eigentlich schade, ein sachlicher kommentar, eine sachliche kritik, das ist doch sinnvoller und entfacht vielleicht eine gute diskussion. vielleicht fällt dir ja noch was ein.

machen burton und gilliam eigentlich moderne märchen und stehen sie damit in der tradition walt disney's?
(inge. "walt disney's snow white and the seven dwarfs: art, adaptation, and adeology." journal of popular film and television. 32 (3): 132-42. 2004 fall.)
27.03.2010 11:57
nichts gesehen, nichts gelesen...
so einzeln betrachtet: sehr differenzierte rezensionen! _nicht.


man _muss_ nicht alles besprechen, was man mitgemacht hat. v.a. wenn es offensichtlich nichts zu sagen gibt.

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