Da schaut man an einem Montag Abend in den Spiegel und sieht sich dreimal.
Gut denkt man sich, kommt ja nicht oft vor, dass es einen dreimal gibt, das sollte man ausnutzen. Das Abendprogramm dreier Tage an einem Abend - ein triadischer Liveticker.
 Kino, Ausstellung, Sofa - Wo nehm ich Platz? |
Mit der Essaysammlung
Auch Deutsche unter den Opfern also meldet sich Benjamin von Stuckrad-Barre zurück. Er schreibt in kurzen Kapiteln "teilnehmende Beobachtungen" und man weiß, wenn Benjamin teilnehmend beobachtet, nimmt der Leser meist erheiternd teil an seinem Buch.
Viel Gutes hörte man ja bisher nicht über Tim Burtons "Alice im Wunderland". Aber wann hat der gute Tim denn das letzte Mal schon einen schlechten Film gemacht? Okay, "Charlie und die Schokoladenfabrik" war ein bisschen nervig, aber zum Glück hat ja ein nerviger Tim Burton meist noch einen verrückt verkleideteten Johnny Depp im Gepäck (so auch hier) und die Welt ist dann doch wieder in Ordnung. Und außerdem 3D. Dreidimensional, überleg mal!
Frisch von der Leipziger Buchmesse ist sie gekommen; Die Wanderausstellung „Widerreden - 60 Jahre Friedenspreis des deutschen Buchhandels“. Sie gastiert nun bis zum 10. April im Foyer der Berliner Staatsbibliothek am Potsdamer Platz. Seit 1950 wird der Friedenspreis schon vergeben, Preisträger wie Albert Schweitzer (1951), oder Hermann Hesse (1955) verhalfen ihm, nicht zuletzt durch ihre Dankesreden, zum internationelen Renomee. Anlässlich der Eröffnung der Ausstellung diskutieren Wolfgang Thierse und Friedrich Schorlemmer, der Preisträger des Jahres 1993.
 Dokumentation eines "Symbols unserer Kulturnation" (Horst Köhler): Der Friedenspreis |
Spitzenkapitel. Stuckrad-Barre ist genervt von Günter Grass. Hat genug von dessen, auf einem Werk basierenden, andauernd selbstlobenden, Stand als politisch-moralischer Instanz ("Aber: Die Blechtrommel. Ja ja, schon gut") und nervt ihn deshalb mit Fragen bei einer Lesung. Nachträglich gibt Grass dem Benjamin Recht. Unterzeichnet da vor der Buchmesse ein Anti-Plagiats-Gelöbnis. Mischt sich politisch ein, bläst sich auf in dem supermegaüberbewerteten Fall
Hegemann.
Die Next Generation trägt also im Kino Brille und zahlt dafür mindestens 12 Euro. Aha. Ist das denn schon der Film? Soll man es schon aufziehen, das Wayfarer-Brillengestell? Ein bisschen doof kommt man sich ja doch vor. Mit Brille. Im Kino. Für 12 Euro. Tatsächlich, das gehört zum Film. Wo ist das jetzt dreidimensional? Und wann ist die Alice endlich im Wunderland? Rahmenhandlung nervt!
Nachdenklich aufstützend sitzen sie da, Schorlemmer und Thierse. Was ist eigentlich Frieden? Wie ist er herstellbar? Man ist sich einig, mit Waffen alleine hat das nichts zu tun. Schorlemmer meint, um Frieden mit seinem Mitmenschen machen zu können, brauche man inneren Frieden. Wenn er da beispielsweise an seine Nachbarn mit der lauten "Bumm-Bumm-Musik" denke, ohne einen inneren Frieden sei er (der Pfarrersohn) da doch manchmal verlangt zuzuschlagen. Schmunzelnde Gesichter im Publikum, mancher traut sich leicht zu nicken.
Stuckrad-Barre ist jetzt auf der Fashion Week. Drittbestangezogener ist er in einer Wahl der Vanity Fair geworden und sinniert mit dem viertplaziertem DJ Hell über die Für und Wider von Hosenträgern. Clemens Schick kann die tragen, ist schließlich auch Bestangezogener. Trotzdem Skepsis am DJ-Pult. Wie schwer das doch im Allgemeinen ist, stylisch angezogen zu sein. Beispiel Schuhkauf im Winter in Berlin Mitte. Stuckrad-Barre weiß von asymmetrischen Frisuren, nicht jedoch von guter Beratung zu berichten.
Mal wieder die Brille abgesetzt, um nachzuschauen, ob man hier dreidimensional verarscht wird. Nein, das soll so unspektakulär sein. Immerhin ist Alice jetzt im Wunderland - da sind auch Johnny Depp und Helena Bonham Carter, der Hutmacher und die böse Hexe. Die müssen es jetzt richten. Die Charaktere der anderen Figuren sind so seltsam unterzeichnet, der Film nimmt sich keine Zeit für sie und hastet von Szene zu Szene: Oh, eine kiffende Raupe! Oh, eine Maus mit einem Säbel!
Ob wohl das Licht noch einmal angeht, ich verspüre Lust nach Eiskonfekt.
 Burton ohne Depp? Lieber nicht. |
Ein Aufschrei aus dem Publikum: Raus! Sofort raus! Was ich, ach nee, doch nur die Soldaten aus Afghanistan. Thierse muss die Politik seiner Partei jetzt erklären. Verantwortung und so. Generell wird die Diskussion jetzt sehr politisch. Aber darum geht es dem vom Börsenverein ausgerichteten Preis ja auch: Politische Debatten soll er anstoßen. Jetzt gehts aber hoffentlich gleich mal zur Ausstellung.
Stuckrad-Barre schließt mit einem Gespräch mit Alexander Kluge. Mit dem kann eigentlich jedes Buch nur angemessen enden. Die Treffen mit Cem Özdemir in Kreuzberg ("Wäre ich ein Porsche, ich würde vermutlich schon brennen"), oder Guido Westerwelle ("Wie war das eigentlich mit Anfang 20, mit so aknevernarbter Haut...") versprechen allerdings mehr Nährwert. Insgesamt sehr lesbar das Ganze und mitnichten "vom Kalauerzwang getrieben" wie Kathleen Hildebrand in der FAZ behauptete.
Tim Burtons vielleicht schlechtester Film wird sicherlich bald sein finanziell erfolgreichster; Die böse Hexe Pecunia. Man möchte ja nicht das Ende des Films voraus nehmen, aber würde man es tun, der ein oder andere würde wohl eher statt ins Kino in die Videothek wandern und sich für 2,50 Euro Burtons "Edward mit den Scherenhänden" ausleihen. Ist zwar nicht 3D, aber lohnt sich wenigstens. Ist auch Johnny Depp drin und wenn der mal nichts retten muss, kann man ihn genießen.
Jedes Jahr wird bildhaft dokumentiert. Bei 1955 bleibe ich stehen. Der Friedenspreisgewinner dieses Jahres Hermann Hesse schenkt als Dank für den Preis ein Gedicht, dass sich hier abgedruckt wiederfindet. "Ich glaube, dass trotz des offensichtlichen Unsinns das Leben dennoch einen Sinn hat", beginnt es und man vergisst schnell, wie unzeitgemäß solche Stellwände doch als Repräsentation von Geschichte sind. Zumal sich hier jeder ein Bild machen kann, Eintritt muss man keinen zahlen.
06.04.10 Update: Nächste Station der Ausstellung "Widerreden" ist Neuss. Nähere Infos
hier
du meinst, dass die form dem inhalt nicht ganz gerecht wird, oder?
und du hast irgendwie recht.
das switchende ist zwar ganz nett, aber unpassend. es besteht ja auch keine wirkliche verbindung zwischen den teilen. diese ist eben zu gewollt, inhaltlich aber nicht gegeben.
ob hier \"sinn im unsinn\" programm sein soll, weiß ich nicht. ist aber offensichtlich nicht dada hier und die form dominierend.
so allgemein ist ja klar, dass literatur an sich einfach unnütz ist, weil sie kunst ist. dieser text switched ja aber zwischen literarischem versuch, bericht und kommentar. wie das ja bekanntlich viele texte tun.
naja, und da wird es etwas schwierig.
der text muss dann als großes, gutes ganzes funktionieren, denke ich.
und man kann solcherart texte ja auch erkennen als gute texte in denen ein \"ich\" einfach nur \"sinnlos\" seine meinung konstatiert; vielleicht ist das pop.
und somit geschmackssache.