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„Der Vierte in unserem Bunde sei der Tod“ - Hebbels' Nibelungen im DT
06.04.2010 05:05
Wer sind eigentlich die Nibelungen? Und was haben sie eigentlich noch mit uns zu tun? Für Michael Thalheimer, den derzeit erfolgreichsten Theatermacher des Landes, sind sie nicht viel mehr als brutale Kampfmaschinen, die, von Rache- und Sexgelüsten getrieben, bis zum Äußersten gehen - und uns damit nahe verwandt sind. Seine Inszenierung von Hebbels’ Die Nibelungen haben sich ole und clemens in Berlin angesehen.
Nun hatte Hebbels einst, in der nationalen Denke des 19. Jahrhunderts gefangen, die Geschichte der Nibelungen, dieser nebulösen Gestalten eines dunklen Zeitalters, als „deutsches Trauerspiel“ verstanden, als Beispiel für das erbarmungslose Wüten der Welt, für das vorbestimmte Schicksal der deutschen Kultur und Nation.
Heute kann man ja nur noch müde lächeln, wenn man in Siegfried, Hagen und Co. tatsächlich etwas vornehmlich Deutsches erkennen soll. Zu sperrig ist der Stoff, zu oberflächlich die Figuren, zu archaisch ihre rätselhaften Motive und Handlungen. Das weiß auch Michael Thalheimer, der der Hebbel’schen Vorlage alles Politische entzieht und weder etwas von Deutschtümmelei, noch von schwelenden religiösen Konflikten wissen will. Das tut den Nibelungen gut, die sich somit auf das konzentrieren können, was sie wirklich im Innersten zusammenhält: Gewalt. Und so versteht sich Thalheimers Bearbeitung der Nibelungen vor allem als groß angelegte Gewaltorgie, bewusst die Nähe zu Splatterfilmen suchend, als Horrorshow, in der man sich im Blut suhlt, der Saal unter wummernden Akkorden erzittert und die hasserfüllten Rachegelüsten vornehmlich durch stimmbandaufreibendes Geschrei (und davon ist keine Figur ausgenommen) artikuliert wird. Der gewalttätige Tod ist nicht zum Fürchten, er wird schaurig belacht, wird gefeiert.
Die Bühne im Deutschen Theater zeigt sich als zweisphärische, apokalyptische Todesrampe, die in ihrer Schräge droht, alles von sich zu schmeißen und dem schwarzen Nichts anheim zu geben, während sie gleichsam wie ein riesiger Kiefer alles zerquetscht, was sich zwischen sie und das Schicksal stellt. Sie ist die Messwand der Handlung: Als der gehörnte Siegfried dem mephistophelischen Treiben Hagens zum Opfer fällt, weilt unten, zusammengekauert, Kriemhild, bis sie der Mordpresse rasch entkommt, um selbst ihren Mord- und Rachgelüsten zu frönen. Die männlichen Figuren sind hässlich-nordische Machos, deren Gebärden ins Tierische abdriften. Zuweilen ist das lustig. Gurgelnd und rotzend wird die Bühne mit Faxe 0,5l-Dosenbier geentert. Die orgiastische Bierfontäne aus dem Mund König Gunthers benetzt die Perücke Siegfrieds und besiegelt den barbarischen Pakt, der am Ende im blutigen Gemetzel enden muss. Fern der Bierduschen und des Schimpansengehabes: Kriemhild und das Mannsweib Brunhild. Sie sind die eigentlichen Aktivposten, in deren Händen die Entscheidung über das Schicksal der Affenbande liegt, getrieben von den elementarsten menschlichen Regungen: Eifersucht, Neid und Habgier. Hagen von Tronje, die düsterste und zugleich rätselhafteste Gestalt der Nibelungensage, ist dagegen auch bei Thalheimer derjenige, der ein eigenes Spiel mit den Mächtigen spielt, auch weil er nicht Mitglied der blutrünstigen Familienbande am Wormser Hof ist. Als er am Ende stirbt – wohlgemerkt durch einen (theaterbühnenbedingten) Pistolenschuss – liegt er, die Arme weit von sich gestreckt, in Kreuzhaltung blutverschmiert am Boden (und das am Karfreitag!). Um ihn herum: literweise Theaterblut, das die Bühne einkleidet und den von Leichen bedeckten Grund bildet.
Ästhetikgefährdend sei das Gebrüll der Protagonisten, so ist es vielseitig im Feuilleton zu lesen. Gar ein „Fall für die Krankenversicherung“ nennt Die Welt Thalheimers Nibelungen-Interpretation. Auch wenn man – nicht zuletzt wegen der wohlfälligen Kurzweiligkeit und der überzeugenden Leistung des Ensembles – soweit nicht gehen mag: Leise Töne, in denen sich beispielsweise die Tragik des Markgrafen Rüdiger widerspiegelt, vermisst man tatsächlich. Auch mutet die arg dualistische (weiß gg. schwarz) Kleidungssymbolik etwas grotesk an und hält den Zuschauer, der sich die Figuren ja vor allem über das gesprochene Wort und weniger über das Kostümbild erschließen will, auf Distanz. Und doch bedarf es gerade dieser Eindeutigkeit, dieser anfänglichen Kontrastierung des blonden Hünen Siegfried und dem ganz in weiß gekleideten Giselher zum finsteren Hagen, um die elementaren Gewaltstrukturen freizulegen, die sich im Laufe des Stückes ihren Weg bahnen, sich zu Männerphantasien entwickeln, die kein Wind, der ein Lindenblatt vom Ast lösen könnte, wegzuwehen vermag. Und so sind am Ende alle Nibelungen vereint und entkleidet, alle Schwarz-Weiß-Differenzen im feierlichen Blutrot aufgelöst. Ausgenommen davon, mit dem souveränen Blick des distanzierten Zuschauers: Dietrich von Bern, die große und doch marginale Herrscherfigur der Nibelungengeschichte, ein elder statesman, der uns am Ende des Stückes an etwas erinnern will, was im Geist der Nibelungen, im Wesen des Menschen eigentlich allzu illusorisch ist, an einen Euphemismus, eine Utopie, genannt Vernunft, Zivilisation. Die Nibelungen von Friedrich Hebbel sind am 25. April, 29. April sowie am 4. Mai, 6. Mai, 27. Mai und 31. Mai im Deutschen Theater Berlin zu sehen. Nähere Informationen zum Stück gibt es auf der Website des DT. Kommentieren |
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