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Imagine there's no Tank
07.05.2010 07:05
... It is easy if you try –– denkt sich Michael Schirner und bedient sich fleißig aus dem Archiv unseres kulturellen Gedächtnisses. Er sagt leise BYE BYE zu einigen der berühmtesten Fotos der Mediengeschichte und lässt die Bilder in unseren Köpfen neu entstehen. Was auf diesen Bildern zu sehen ist? Das muss jeder selbst herausfinden. Wo sie sich befinden? Hinter unseren Augen – oder in der Berliner Galerie Crone. Noch bis zum 29. Mai.
Drei Jahre lang, zwischen 2006 und 2009, hat sich Michael Schirner an ebenjenen Aufnahmen abgearbeitet, sie teils amputiert, teils retuschiert, um in ihnen nach eigener Aussage „das Unsichtbare sichtbar“ zu machen. Zu sehen waren diese 33 Bilder im April in den Hamburger Deichtorhallen und zeitgleich – und das noch bis Ende Mai – in der Berliner Galerie Crone.
Beworben wurde sein Projekt jedoch deutschlandweit und intermedial. So waren die unzähligen Plakate der Fotos in vielen Großstädten nicht zu übersehen, die Frankfurter Allgemeine grundierte Mitte April sogar eine gesamte Ausgabe mit Schirners Bildern und widmete ihm einen Leitartikel im Feuilleton. Michael Schirner ist also nicht irgendwer, seine Arbeiten – auch wenn ihnen recht simple Prozesse und Methoden zu Grunde liegen – nicht bloße Bildmanipulationen im Zeitalter der Massenmedien und -kommunikation. Schirner, der sich selbst in bester postmoderner Tradition keineswegs als Künstler, geschweige denn als Schöpfer seiner Werke sieht, gilt seit nunmehr 20 Jahren als eine der großen Persönlichkeiten der deutschen Werbebranche. Der oftmals als „Werbepapst“ titulierte Chemnitzer ist zudem Autor eines Buches mit dem Titel Werbung ist Kunst. Was ihn zwar noch lange nicht zum Künstler macht, aber uns schon einmal zeigt, womit wir es hier zu tun haben.
BYE BYE, so der Name der aktuellen Bilderserie, versteht sich selbst als „Eine Medien-Kunst-Aktion“. Schirner liefert die Medien, der Betrachter die Kunst? So ist es zumindest gedacht. Doch sind die ausgewählten Fotos, die in gigantischer Größe an den weißen Galeriewänden hängen, mehr als nur „Medien“, sie sind nicht bloß Folie, auf denen der Betrachter im kulturellen Gedächtnis stöbert, sein Wissen aktualisiert, die Bilder rekonstruiert, zusammensetzt, das verborgene Simulacrum entdeckt. Die von Schirner ausgewählten und bearbeiteten Aufnahmen haben längst ein Eigenleben entwickelt. Sie sind im Laufe der Jahre zu visuellen Paradigmen geworden, zu eigenen Narrationen (jaja, Gilbert Adair spräche von Aktemen), die sich von ihrem eigentlichen Ursprung gelöst haben und komplexe Sachverhalte kleinformatig darstellen - etwa im Foto von Willy Brandts Kniefall in Warschau, das in einigen Schulbüchern längere Aufsätze zur Entspannungspolitik der 1970er-Jahre überflüssig macht. Ähnliches gilt für das von Schirner zu ABU03 modulierte Bild, auf dem vor kahler Wand ein brauner Kasten (auf ihm eigentlich ein nackter, maskierter Gefangener) zu sehen ist, das in keiner Fotostrecke zum Irakkrieg fehlen darf und im Dunstkreis des „Kampfes gegen den Terror“ längst den brennenden Türmen in New York Konkurrenz macht. Und wer wüsste schon, wo und wann genau diese Bilder erstmals in der Öffentlichkeit aufgetaucht sind? Worum es geht, ist so banal wie spannend: die Bilder in unserem Kopf. Um eine persönliche Verortung in der großen Welt der Massenkultur inmitten medialer Gleichschaltung, um eine Vermessung der Teilhabe an Kulturgütern, am öffentlichen Diskurs. Auch wenn es Schirner nicht beabsichtigt, so nahe liegend ist beim Besuch seiner Ausstellung der Reflex, zu zählen, wie viel Bilder man kennt, wie viele nicht. Wer ahnt schon beim Anblick einer grauen Wasseroberfläche, dass es sich hier um Maos berühmte Durchquerung des Jangtsekiang handelt? Erst Schirners reduzierter Bildtitel YAN66 hilft dem Ahnungslosen.
Neben diesen medienpolitischen Aspekten ist BYE BYE natürlich ebenso eine Meditation über die Kraft der Manipulation, der wir in Film, Fernsehen und Printmedien tagtäglich ausgesetzt sind. Eine Erörterung über die Macht der Bilder führt an dieser Stelle zu weit. Doch fehlt auch bei Michael Schirner jenes Foto nicht, das sozusagen als ‚Mutter aller Fälschungen’ in die Mediengeschichte eingegangen ist - und das Schirmer mit der Sigle MOS20 versieht. Lenins Ansprache vor Rotarmisten am Bolschoi-Theater fand damals im Beisein Trotzkis statt – bis Stalin 1927 den inzwischen in Ungnade gefallenen Trotzki vom Bild entfernen ließ. Und Schirner nun, 80 Jahre nach Stalin, auch Lenin tilgt. Was bleibt, sind gleich zwei Leerstellen. Ungeklärt bleibt indes, ob Original oder Fälschung gefälscht werden. Wichtig ist das in Schirners Kosmos aber eh nicht. So ist Schirners Ansatz, mit seinen Bildern über Bilder dazu anzuregen, sich mit Geschichte, ihrer Überlieferung und unserem kulturellen Gedächtnis auseinanderzusetzen, reizvoll. Einen tieferen Einblick in die faszinierende Bildgeschichte des 20. Jahrhunderts gibt die Serie BYE BYE jedoch nicht, auch nicht im Rahmen des recht spärlichen Ausstellungskatalogs. Aber es ist ja auch nur eine „Medien-Kunst-Aktion“. Wer sich dennoch näher dafür interessiert, dem sei das epochale Werk Das Jahrhundert der Bilder, in zwei Bänden von Gerhard Paul herausgegeben, ans Herz gelegt. Dies gibt es ausgesprochen günstig bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu erwerben.
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danke für diesen guten text am morgen! wo du gerhard paul vorschlägst. vom hdg gibt es zwei weitere, nicht ganz günstige aber tolle begleitbände zu vergangenen ausstellungen: "bilder die lügen" und "xfüreinu".