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Geschichte der Rekonstruktion in der Pinakothek der Moderne
13.08.2010 11:11
Bis zum 31.10.2010 zeigt die Münchner Pinakothek der Moderne einen Einblick in die Beweggründe für die Rekonstruktion verlorener Bauten.
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Ein Samstag im Englischen Garten im Sommer 2010. Lederbehoste Originale teilen sich die Bänke des Biergartens mit englischsprechenden Rotköpfen und deutschlallenden Junggesellenabschieden. In ihrer aller Mitte: der Chinesische Turm, ein rekonstruiertes Stück Geschichte. Als der ungeliebte Kurfürst Karl Theodor am 13. August 1789 den „Theodor Park“ in Auftrag gab, sollte das bayrisch-chinesische Kuriosum den Mittelpunkt dessen bilden, was wir heute als Englischen Garten kennen. Nicht zuletzt um den revolutionären Elan der Münchner abzumildern, baute der listige Kurfürst damals im Sinne der „allgemeinen Ergötzung“. Nach der Zerstörung durch Brandbomben am 13. Juli 1944 riefen 22 Künstler, Gelehrte und Architekten am 12. Juni 1951 den Verein zum Wiederaufbau des Chinesischen Turmes ins Leben. „Getreu dem alten Vorbild“ sollte das Wahrzeichen rekonstruiert werden. Weil der Bauplan leider verloren war, dienten alte Bilder und Maßbezeichnung aus Bauabrechnungen der Rekonstruktion. Und es musste dringend Geld her. Doch die Münchner rauften sich zusammen: Drei Wochen nach der Vereinsgründung waren schon 50 000 DM gesammelt - die Bürger spendeten unaufgefordert. Zum rauschenden Richtfest am 12. Juli 1952 vereinte der Chinesische Turm wieder alle seine Liebhaber unter einem Dach. Es gibt unzählige solcher "Geschichten der Rekonstruktion" die seit Jahren von mindestens genauso vielen Debatten begleitet werden. Seit der Nachkriegszeit wird die Diskussion geführt, ob Rekonstruktionen das gleiche Daseinsrecht in der Gegenwartsarchitektur besitzen wie Neubauten. Die überspitzte Frage lautet: Wollen wir die Gestaltung einer Kontinuität oder den Bruch mit der Geschichte. Auch wurde die Begriffstrennung von Rekonstruktion und Wiederaufbau nicht scharf genug vorgenommen. Während Wiederaufbau die Wiederherstellung eines Gebäudes aus seinen Resten meint, bezieht sich Rekonstruktion auf die Wiederherstellung eines verlorenen Originals nach Bild-, Schrift- oder Sachquellen. Die Ausstellung in der Münchner Pinakothek der Moderne will aufklären und die gegenwärtigen Kontroversen entemotionalisieren, indem sie historische Zusammenhänge aufzeigt. Hunderte Fotos säumen wie ein roter Faden die Wände entlang der Ausstellungsräume. Untereinander reihen sich jeweils die drei Fixpunkte der Gebäudegeschichte: Erbauung, Zerstörung, Rekonstruktion. Die Ausstellung ist nach zehn Themen gegliedert, die die Vielfalt der Beweggründe zur Wiederherstellung abbilden. Das Beispiel Chinesischer Turm fällt in das Themengebiet „Rekonstruktion von Bildern und Symbolen einer Stadt“.
Ein Symbol ist auch Warschaus Marktplatz. Einst von den Deutschen während des Zweiten Weltkriegs zerstört, setzte man sich in den Nachkriegsjahren für eine originalgetreue Rekonstruktion ein. Man wollte den Deutschen zeigen: unsere Identität gehört uns und lässt sich von euch nicht zerstören. Das „kulturelle Gedächtnis“ (Jan und Aleida Assmann), das sich mithilfe symbolischer Medien wie beispielsweise der Architektur bildet, reicht über die Individuen hinaus und entspricht der Dauer der materiell fixierten Zeichen. Die Rekonstruktion befriedigt wie im Falle Warschaus das Bedürfnis nach Identitätsstiftung.
Rekonstruktion kann aber auch als Produkt eines "neuen Historismus" gelesen werden. Die Zukunft ist nicht mehr das „Generalsversprechen des Neuen“, unser Blick wendet sich hin zur Möglichkeit der Wiederherstellung des Alten. Durch Klimakatstrophen oder weniger werdende Rohstoffe wird uns bewusst, dass unsere Erde an Grenzen stößt, die auch Zukunftstechnologien nicht überwinden können. Vergangenes und Traditionelles gewinnt an Wert. Nach Aleida Assmann ist die Rekonstruktion daher ein unmittelbarer Ausdruck des „veränderten Verhältnisses gegenüber Vergangenheit und Zukunft“. Der sehr zu empfehlende Ausstellungskatalog bietet einen tiefen Einblick in die Diskussion rund um das Thema. Vermutlich um die Besucherfreundlichkeit nicht zu schmälern, überwiegen in der Ausstellung jedoch Fotos, Modelle und Videos. Zudem entgeht man mit weniger geschriebenem Text einer eigenen Wertung der Debatte und belässt es dabei, die lange Geschichte der Rekonstruktionsarchitektur aufzuzeigen. Das führt zur angestrebten Versachlichung der Kontroversen. Historiker, Urbanisten und ähnlich Interessierte wird es freuen: Hier lässt sich ein wissenschaftlicher Comic der Weltgeschichte bestaunen. Und manch einer, der sein Helles im Biergarten genießt, schaut nach dem Museumsbesuch mit neuem Blick auf den architektonischen Mehrstocker inmitten des Englischen Gartens. Kommentieren |
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